Porsche oder Volkswagen? Der „Berlin-Rom-Wagen“
Es gibt Autos, die sind schwer einzuordnen. Der „Berlin-Rom-Wagen“ gehört dazu. Ihn entwickelte das Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche für die im Herbst 1939 geplante Fernfahrt von Berlin nach Rom.
Diese sollte auf Bestreben der nationalsozialistischen Machthaber als Gegenstück zur populären Rallye Lüttich–Rom–Lüttich etabliert werden. Denn in der Propaganda der Nationalsozialisten war der Motorsport ein wichtiger Baustein. Und nach den Erfolgen der Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union sollten Ende der 1930er-Jahre auch seriennahe Fahrzeuge ihre Leistungsfähigkeit beweisen.
Eine dazu geplante Langstrecken-Rallye von Berlin nach Rom sollte im September 1939 starten. Die Verantwortlichen der Arbeitsfront und der Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ beauftragten Ferdinand Porsche, auf der Basis des KdF-Wagens einen Sportwagen für diesen Wettbewerb zu konzipieren. Doch dem von Porsche gelieferten „Berlin-Rom-Wagen“ blieb ein Renneinsatz verwehrt, weil das Deutsche Reich und die Sowjetunion ab dem 1. September 1939 statt Rennwagen nach Rom nun Truppen nach Warschau schickten.
Sportwagen als Werbeträger des Volkswagens
Für die Sportversion des Volkswagens hat Ferdinand Porsche auf der Bodenplatte des Volkswagens eine aerodynamisch ausgefeilte Karosserie aus Aluminium montiert, die alle vier Räder verdeckt. Besonders ungewöhnlich sind die Rollen an der Innenseite der vorderen Abdeckungen. Sie ermöglichen, dass die Abdeckungen bei starkem Lenkeinschlag von den Rädern nach außen gedrückt werden konnten. Unter dem schmalen Dach finden sich zwei Sitzplätze, die schräg hintereinander versetzt angeordnet sind.
Auch die Radaufhängungen, das Getriebe und den Motor übernahm Porsche vom Volkswagen. Wobei die Leistung des Motors mit größeren Ventilen, einem Doppelvergaser und einer höheren Verdichtung auf rund 50PS gesteigert wurde. Aus Gründen der Gewichtsverteilung wurde der Motor im „Berlin-Rom-Wagen“ übrigens im Unterschied zum Volkswagen als Mittelmotor eingebaut.
„VW Typ 60K10“ ist gleich „Porsche Typ 64“
Heute ist es so schwierig zu beurteilen, ob der „Berlin-Rom-Wagen“ denn nun „nur“ ein Volkswagen oder eben doch „schon“ ein Porsche ist. In der Literatur wird als Typenbezeichnung nämlich ebenso häufig „VW Typ 60K10“ genutzt, wie dort auch die Bezeichnung „Porsche Typ 64“ Verwendung findet.
Und obwohl erst 1948 mit dem 356 ein Fahrzeug unter dem Familiennamen Porsche auf den Markt kommen sollte, vereinnahmt die Firma Porsche heute den schon 1939 gebauten „Berlin-Rom-Wagen“ als Teil seiner Modellgeschichte. In einem Rückblick auf das Porsche-Motorsport-Jahr 1951 heißt es „... Nach einem Erfolg bei der Internationalen Alpenfahrt durch Otto Mathé im Vorjahr macht Porsche im Juni durch einen Klassensieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans international auf sich aufmerksam. ...“.
Mit dieser Aussage bezieht sich Porsche auf einen Sieg des Österreichers Otto Mathé. Der 1907 im Zillertal geborene Mathé bestritt zunächst Motorradrennen. Stürzte jedoch 1934 bei einem Rennen in Graz so schwer, dass der rechte Arm fortan gelähmt war. Trotzdem stieg Mathé nach dem Krieg 1948 in den Automobilrennsport ein. Dazu kaufte Mathé 1949 von Ferdinand Porsche einen von drei gebauten „Berlin-Rom-Wagen“.
Der erste Versuchsträger wurde bereits 1939 nach einem Unfall bei Testfahrten irreparabel beschädigt. Die beiden verbleibenden Exemplare nutzte die Familie des genialen Konstrukteurs. Eins dieser Fahrzeuge wurde jedoch kurz nach Kriegsende in Österreich von amerikanischen Soldaten beschädigt und nach bisher bekannten Quellen schließlich aufgegeben.
Mathé erwarb also ein Einzelstück
Doch dies hinderte Mathé nicht, den Wagen bis in die 1950er-Jahre erfolgreich im Motorsport einzusetzen und gut dreißig Jahre später mit seinem „Berlin-Rom-Wagen“ regelmäßig bei Oldtimer-Veranstaltungen aufzutreten. Es gibt Fotos, die den Wagen am Nürburgring, auf dem Salzburgring sowie in Laguna Seca zeigen. Otto Mathé gab seinen „Berlin-Rom-Wagen“ Zeit seines Lebens nicht mehr her. Nach seinem Tod wird die Geschichte des Fahrzeugs unübersichtlich. Denn inzwischen behauptet ein KFZ-Betrieb aus Österreich den „Berlin-Rom-Wagen“ restauriert zu haben. Gleichzeitig wird bei der Ausstellung eines „Berlin-Rom-Wagens“ in jüngster Vergangenheit immer wieder Wert darauf gelegt, dass dieses Fahrzeug völlig unrestauriert sei. In den USA wird der „Berlin-Rom-Wagen“ gern der Sammlung des Comedian und Porsche-Sammlers Jerry Seinfeld zugeordnet. Andere Stimmen widersprechen dieser Aussage vehement.
Die abschließende Beantwortung der Frage „Porsche oder Volkswagen?“ fällt in der Tat nicht leicht. Die Auftraggeber des Projekts gaben auch den Volkswagen in Auftrag. Ihr Volkwagen spendete dem Sportwagen die Genstruktur. Und weder der „Kübelwagen VW Typ 82“ noch der „Panzerkampfwagen VIII Maus“ werden heute als Porsche gesehen, auch wenn sie von der Firma Porsche konstruiert wurden. Ganz nach dem Motto „Wer zahlt bestimmt die Musik!“ tragen sie die Namen ihrer Auftraggeber.
Doch der Verbleib der Prototypen des „Berlin-Rom-Wagens“ im Besitz der Familie Porsche, die die Prototypen sogar im Straßenverkehr genutzt haben soll, deuten darauf hin, dass die Geschichte beim „Berlin-Rom-Wagen“ vielleicht doch nicht ganz so einfach ist.
Technische Daten
| Motor: | luftgekühlter (Gebläse) 4-Zylinder-Viertakt-Boxermotor im Heck |
| Motorsteuerung: | zentrale untenliegende Nockenwelle (OHV-Ventilsteuerung) |
| Hubraum/Leistung: | ca. 1100 cm³, 40 PS bei 3800/min |
| Getriebe: | 4-Gang |
| Radaufhängung: | vorne Kurbellängslenker, hinten Pendelachse |
| Federung: | Drehstäbe |
| Radstand/Spurweite: | Radstand 2400 mm, Spurweite vorne 1290, hinten 1250 mm |
| Bereifung: | 5.25–16 Zoll |
| Leergewicht ohne Fahrer: | 525 kg |
| Höchstgeschwindigkeit: | je nach Übersetzung bis zu 190 km/h |
