Deutsche Rennsport Meisterschaft – Teil 3: Souverän zum Titel

Veröffentlicht am: 31. August 2012 von Tom Schwede (Kommentare 3)
Chevrolet Camaro Deutsche Rennsport Meisterschaft 1972
1972 trat der Australier Frank Gardner mit so einem Chevrolet Camaro in der Deutschen Rennsport Meisterschaft an. Doch der bullige V8 war der Herausforderung der Waldgeraden von Hockenheim nicht gewachsen. In Führung liegend platzte Gardner der Motor.

Im zweiten Teil unserer Serie zur Deutschen Rennsport Meisterschaft zeigte sich, dass sich der Start der neuen Meisterschaftsserie 1972 schwieriger als gedacht gestaltete. Das Starterfeld nahm nur langsam Kontur an und das Publikum kam noch nicht in Massen an die Strecken. Trotzdem entwickelte sich bereits im ersten Jahr eine gewisse Spannung. Denn sollte der erst 21 Jahre alte Hans-Joachim Stuck mit seinem Capri tatsächlich zur Meisterschaft fahren können?

Nach dem man zum Beginn der Saison ein Rennen pro Monat fuhr, standen im Sommer 1972 gleich drei Rennen innerhalb von vierzehn Tagen auf dem Programm der Deutschen Rennsport Meisterschaft. Den Auftakt dieser engen Terminfolge feierte man beim ADAC-Hessenpreis auf dem Flugplatz von Kassel-Calden. Mit nur 27 in beiden Divisionen erreichte die Teilnehmerzahl bei dem Flugplatzrennen einen neuen Tiefpunkt. Zudem hatte der Veranstalter große Probleme mit der Zeitnahme.

Denn der überlegene Hans-Joachim Stuck erreichte nach Meinung des Veranstalters trotz vollem Einsatz nur den dritten Startplatz, während Reinhold Joest in einem weiteren Capri, den zuvor Alex Soler-Roig bewegte, „rollend“ zum besten Startplatz fuhr. Das Rennen der Division I gewann Klaus Fritzinger, der trotz einer aufziehenden Regenfront auf Trockenreifen setzte, während Stuck Regenreifen vorzog. Selbst als es zur Halbzeit des Rennens tatsächlich regnete, blieb Fritzinger auf der 2,6 Kilometer kurzen Strecke in Front und fuhr zum Sieg. Das Rennen der Division II sicherte sich Harald Menzel im Zakspeed Escord RS 1600.

Gemeinsam sind wir stark

Als eine Woche später in Hockenheim erneut nur 29 Fahrzeuge gemeldet wurden, legte man, um den Zuschauern ein attraktives Feld präsentieren zu können, beide Divisionen zu einem Rennen zusammen. Nach dem Training lag Frank Gardner mit seinem bulligen Chevrolet Camaro in Front. Hans-Joachim Stuck auf Platz zwei zeigte sich nicht besonders beeindruckt, weil gerade auf der alten Strecke von Hockenheim ein Rennen erst gefahren werden musste, um den Sieger zu kennen.

Denn der hohe Vollgasanteil der alten Waldgeraden lies gerne Motoren verglühen. Auch der V8 im Chevrolet Camaro von Frank Gardner platzte im Rennen spektakulär. Und Stuck fuhr erneut ungefährdet zum Sieg. Für die größte Überraschung des Rennwochenendes sorgte Jörg Obermoser im Ford Escort RS 1600 der Division II. In der Schlussrunde holte Obermoser den Spanier Alex Soler-Roig im großen Capri auf Platz zwei ein. Unter großem Jubel der Zuschauer stieß Obermoser im Motodrom auf den zweiten Platz vor.

Zurück am Ring – die Capri-Dominanz

Im Rahmenprogramm des 500 Kilometer-Rennens, 1972 ein Lauf zur Sportwagen Europameisterschaft, fuhr die Deutsche Rennsport Meisterschaft dann ihr drittes Rennen in vierzehn Tagen. Zunächst sorgte jedoch das Eifelwetter für Aufregung. Denn Morgennebel brachte den Zeitplan so gehörig durcheinander, dass das Training der Deutschen Rennsport Meisterschaft schließlich erst in der Dämmerung gefahren werden konnte.

Waltraud Odenthal, 1972

Waltraud Odenthal 1972 im Fahrerlager des Nürburgrings (Foto: Lothar Spurzem)

Am Renntag schickte man schließlich erneut das gesamte Feld der Deutschen Rennsport Meisterschaft gemeinsam auf die Reise. Sieger wurde, fast muss man sagen natürlich, Hans-Joachim Stuck. Zweiter wurde Werner Christmann, der nun ebenfalls in einem Capri saß. Am Saisonbeginn hatte Christmann noch für Steinmetz ins Lenkrad des Opel GT bzw. des Opel Commodore GS/E gegriffen. Dritter wurde Klaus Fritzinger, der nach einem Trainingsunfall mit Radverlust am Freitag froh war, dass der Capri am Sonntag überhaupt am Rennen teilnehmen konnte.

Vierte wurde Waltraud Odenthal, die ebenfalls einen Capri steuerte. Die Tochter eines Ford-Händlers aus Siegburg etablierte sich damit endgültig im Spitzenfeld der Deutschen Rennsport-Meisterschaft. „Erst“ auf Platz acht, hinter drei weiteren Startern der großen Division, kam mit Gerhard Schüler und seinem Ford Escort RS 1600 des Team Wooding der Sieger der Division II ins Ziel. Schüler, der spätere Gründer der legendären Disko Dorian Gray im Frankfurter Flughafen, siegte, obwohl er nach vier der sieben Runden unplanmäßig an den Boxen hielt.

Doch mit der folgenden bravourösen Aufholjagd gelang es dem Escort-Fahrer in den verbleibenden Runden Dieter Basche, der zwischenzeitlich die Führung der Division II übernommen hatte, schließlich hinter sich zulassen. Trotz der Niederlage am Ring blieb Basche in der Meisterschaft damit als Dritter mit 97 Punkten vor dem Vierten Schüler (90 Punkte). In Führung blieb Hans-Joachim Stuck vor Klaus Fritzinger – inzwischen mit einem deutlichen Punktevorsprung von 161 zu 124 Punkten ausgestattet.

Der erste Titelträger: Hans-Joachim Stuck

Mit diesem Zwischenstand war längst eine Vorentscheidung gefallen. Kaum jemand glaubte, dass der Titel nicht an Stuck gehen würde. Obwohl Klaus Fritzinger zumindest noch theoretisch eine Chance hatte. Doch schon beim Vorschlusslauf, der als Rheinland-Pfalz-Preis erneut an Nürburgring gefahren wurde, rückte Stuck alle Zweifel zur Seite. Im Training fuhr Stuck am Ring mit 8:33 Minuten eine neue Tourenwagen-Bestzeit.

Im Rennen – erneut schickte man die Deutsche Rennsport Meisterschaft in einem Lauf ins Rennen – fuhr Stuck dann immer genau so schnell, wie er mußte, um in Führung zu bleiben. Dies reichte für einen Sieg vor Klaus Fritzinger und Hans Heyer, der nun ebenfalls in einem Capri am Lenkrad drehte. Die Division II entschied Harald Menzel für sich, der als Siebter der Gesamtwertung ins Ziel kam. Mit diesem Ergebnis war Hans-Joachim Stuck vorzeitig der erste Titelträger der Deutschen Rennsport-Meisterschaft.

Zum Finale den Berg hinauf

Obwohl die Meisterschaft entschieden war, stellten sich im Oktober 1972 immerhin noch 28 Teilnehmer der Herausforderung des Sauerland Bergpreis auf der privaten Bergrennstrecke des ehemaligen Rennfahrers Karl von Wendt. Stuck, der Ford am Ende des Jahres verlassen sollte, um seinem ehemaligen Ford-Chef Jochen Neerpasch zu BMW zu folgen, fügte dabei seiner erfolgreichen Saison 1972 im Sauerland einen weiteren Erfolg hinzu. Zweiter beim Sauerland-Bergpreis, der inzwischen als Berg-Gleichmäßigkeitsprüfung in der Nähe der ursprünglichen Rennstrecke auferstanden ist, wurde Jochen Mass in einem weiteren Capri.

Mass, im Vorjahr Sieger der Deutschen Automobil-Rundstrecken-Meisterschaft, schraubte sich mit diesem Start in der Deutschen Rennsport Meisterschaft quasi aus dem Nichts auf den 10. Platz hinauf. Denn der Ford-Werksfahrer und Tourenwagen-Europameister 1972 hatte mit seinem Sieg im 6-Stunden-Rennen am Nürburgring, einem Lauf zur Tourenwagen-Europameisterschaft , bereits satte 30 Extra-Punkte eingefahren, die Mass mit der Teilnahme am Sauerland-Bergpreis nebenbei aktivierte.

Endstand Deutsche Rennsport Meisterschaft 1972

  1. Hans-Joachim Stuck, Ford Capri RS, 201 Punkte
  2. Klaus Fritzinger, Ford Capri RS, 151 Punkte
  3. Dieter Basche, BMW 2002 / Lola T290, 120 Punkte
  4. Jörg Obermoser, Ford Escort / Lola T290, 112 Punkte
  5. Harald Menzel, Ford Escort RS / Escort Zakspeed, 101 Punkte
  6. Gerhard Schüller, Ford Escort, 90 Punkte
  7. Jürgen Barth, Porsche 911S / Ford Capri, 71 Punkte
  8. Hans Heyer, Ford Capri RS / Opel GT Steinmetz, 56 Punkte
  9. Hans-Peter Joisten, BMW 2800 CS / Porsche 911T, 50 Punkte
  10. Jochen Mass, Ford Capri RS, 45 Punkte

Mit einem würdigen Titelträger ging die erste Saison der Deutschen Rennsport-Meisterschaft zu Ende. Die Starterzahlen und auch die Organisation hatten in einigen Punkten (Zeitnahme in Kassel, Verschiebungen am Nürburgring, Ausfall von zwei Veranstaltungen) noch nicht das Niveau erreicht, das heute im Rennsport üblich ist. Trotzdem hatten die Rennen gezeigt, dass das Konzept der Deutschen Rennsport-Meisterschaft, sich auf zwei Divisionen zu beschränken, im Ansatz richtig war. Gerade dieses Konzept sollte in den kommenden Jahren für zusätzliche Spannung sorgen.

Fortsetzung folgt

Lesen Sie im nächsten Teil unser Serie in Kürze wie die Deutsche Rennsport-Meisterschaft Fahrt aufnimmt, die schwierige Zeit der Ölkrise übersteht und mit einer mutigen Entscheidung schließlich zur überragenden Sprint-Serie abseits der Formel 1 aufsteigt.

Tom Schwede

Hatte das Vergnügen in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Dies wirkt offensichtlich bis heute nach. Denn Autos und Oldtimer beschäftigen den Auto Native bis heute. Dazu interessieren ihn Politik, Geschichte und Mobilität. Mehr von Tom Schwede bei Google+