Lancia Stratos: eine Legende wird 40
Nicht immer, wenn mit Begriffen wie Kult, Legende oder Mythos hantiert wird, ist dies auch vorbehaltlos angebracht. Doch der Lancia Stratos, der vor inzwischen 40 Jahren auf dem Autosalon in Turin als Konzeptstudie erstmals dem Publikum vorgestellt wurde, darf ohne Wenn und Aber mit dem Sonderstatus „Legende“ bezeichnet werden. 1300ccm.de stellt den magischen Keil vor.
Der Lancia Stratos erblickte als Designstudie „Lancia Stratos 0“ das Licht der Öffentlichkeit. Das radikal-futuristische Design der Studie war kein Modegag, sondern dem Windkanal entsprungen. Entsprechend der Prämisse „Form follows function“ gestaltete sich sogar der Zugang zum Fahrersitz schwierig, denn der Zugang zum Innenraum war nur über die aufklappbare Frontscheibe möglich. Vor der Hinterachse war ein V-Vierzylinder aus dem Lancia Fulvia montiert.
Die Studie wird zur Fahrmaschine
Ein gutes Jahr nach der Premiere wird 1971 die Straßenversion Lancia Stratos HF „Stradale“ vorgestellt. Die Formgebung blieb extrem keilförmig und extrem kompakt: 3,67 Meter lang, 1,70 Meter breit und mit 1,08 Metern Höhe flach wie die berühmte Flunder. Die Fahrerposition war nun etwas schwerpunktfreundlicher in Richtung Fahrzeugmitte gewandert. Um Reparaturen zu erleichtern, lassen sich sich die Front- und die Heckpartie komplett aufklappen. Beide Hauben bestehen aus glasfaserverstärktem Kunststoff, während die restliche Karosserie aus Stahl besteht.
Im Motorraum hatte der längs eingebaute Vierzylinder einem quer installierten, vom Ferrari Dino 246 GT entliehenen Sechszylindermotor Platz gemacht. Die zur Homologation des Stratos für den internationalen Motorsport erforderliche Kleinserie entstand beim Karosseriebauer Bertone. Mindestens 400 Einheiten forderte das Gruppe 4-Reglement der internationalen Motorsportbehörde FIA, knapp 500 Lancia Stratos HF sollen es schließlich geworden sein. Präzisere und vor allem übereinstimmende Zahlen geben die verschiedenen Quellen bis heute nicht her.
Mit dem 2,4-Liter-V-Sechszylindermotor, der mit Dreiventiltechnik ausgestattet ist und 190 PS leistet, erreicht der Stratos die 100-km/h-Marke in 6,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit wurde mit beachtlichen 248 km/h angegeben. Für dieses Vergnügen musste man seinerzeit rund 15.000 DM investieren. Heute sind die Lancia Stratos HF rare Sammlerstücke, deren Marktwert bei mindestens 80.000€ liegt.
Erfolg in der Rallye-Weltmeisterschaft
Bereits 1972 bestritt Lancia mit dem Stratos die ersten Rallyeeinsätze – mangels Homologation ging man in der Prototypenwertung an den Start. Der damalige Lancia-Sportchef Cesare Fiorio wollte die Zeit nutzen, um Erfahrungen mit dem flachen Sportwagen zu sammeln. Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn am Anfang mangelte es dem Stratos an der für den Rallyeeinsatz notwendigen Standfestigkeit.
Erst im April 1973 sorgte Werkspilot Sandro Munari bei der Firestone-Rallye in Spanien für den ersten Erfolg des Stratos. Kurze Zeit später stieß Mike Parkes als Chefentwickler zu Lancia. Der britische Ingenieur und Formel-1-Pilot trug entscheidend dazu bei, dass der Stratos konkurrenzfähig wurde und schließlich 1974, 1975 und 1976 in direkter Folge dreimal den Titel der Rallye-Weltmeisterschaft, die damals noch einzig als Wertung für Konstrukteure ausgefahren wurden, gewinnen konnte.
Nur wenige Tage nach der FIA-Zulassung des Stratos 1974 gewann Munari bereits die Rallye San Remo. Es folgten auf dem Weg zum ersten WM-Titel weitere Siege beim Giro d'Italia, bei der „Rideau Lakes“ in Kanada und der Tour de Corse sowie ein dritter Platz bei der britischen RAC-Rallye.
Im Januar 1975 holte Sandro Munari den ersten von drei aufeinanderfolgenden Siegen bei der Rallye Monte Carlo, im weiteren Jahresverlauf siegt Björn Waldegård bei der Schweden- und der San Remo Rallye. Bei der Safari Rallye in Kenia wird Munari zweiter vor Waldegård.
1976 wurde für den italienischen Rennkeil zum erfolgreichsten Jahr überhaupt – mit ersten und zweiten Plätzen bei der Rallye Monte Carlo, den Rängen eins bis drei in Portugal sowie Siegen in Sizilien, beim Giro d'Italia und in Korsika sicherte sich Lancia die dritte WM in Folge.
Nicht nur das Werksteam siegte mit dem Lancia Stratos
Erfolgreichstes Privatteam war das Team „Chardonnet of France“, dessen Topfahrer Bernard Darniche mit 33 Siegen erfolgreichster Stratos-Fahrer aller Zeiten in die Motorsportgeschichte einging. Werkspilot Sandro Munari hatte „nur“ 13mal mit dem Stratos triumphiert. Zu dieser Entwicklung trug sicherlich auch bei, dass der FIAT-Konzern, der Lancia 1969 übernommen hatte, 1977 das Rennsportbudget seiner Konzerntochter Lancia erheblich stutzte und das Rallye-Engagement des Konzerns statt dessen auf den Fiat 131 Abarth konzentrierte.
Als kurze Zeit später auch Sponsor Alitalia seinen Namen lieber auf dem 131er kleben wollte, endete der Werkseinsatz des Sportwagens. Zudem war mit Mike Parkes im August 1977 der technische Kopf des Stratos-Rallye-Projekts bei einem Verkehrsunfall in Riva presso Chieri nahe Turin tödlich verunglückt.
Trotzdem lebt der Stratos bis heute weiter. Wenn auch hauptsächlich in Träumen, Erinnerungen oder in der beheizten Garage eines von Glück und Geld begünstigten Sammlers. Und im günstigsten Fall kehrt ein Stratos sogar heute noch für einen kurzen Moment auf eine Rallyepiste zurück. Erst vor gut einem Jahr gewann ein Lancia Stratos die Silvretta Classic.
„Lancia Stratos: eine Legende wird 40“ in Bildern:




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