Legenden der Formel 1: Mike Hawthorn
Heute vor 50 Jahren verunglückte mit Mike Hawthorn der damals aktuelle Formel-1-Weltmeister auf einer Landstraße in der Nähe von Guildford tödlich. Bei einem privaten Duell mit dem schottischen Rennstallbesitzer Rob Walker verlor Hawthorn die Kontrolle über seinen Jaguar und prallte gegen einen Baum. 1300ccm blickt deshalb heute auf die Karriere des ersten britischen Formel-1-Weltmeistertitel zurück, dessen Name untrennbar mit der größten Katastrophe des Motorsports verbunden ist.
Mit diesem "Jaguar XKD 606" gewann Mike Hawthorn 1956 das 24 Stunden Rennens von Le Mans
Mike Hawthorn wuchs im südwestenglischen Farnham, wo der Vater unter dem Namen „The Tourist Trophy Garage“ eine als Tuner von Riley-Sportwagen bekannte Automobilwerkstatt betrieb, auf. Als Jugendlicher erlebte der am 10. April 1929 gebore Mike Hawthorn die Bombardierung Londons und die Luftschlacht um England hautnah mit. Hawthorn Junior entwickelte ein Weltkriegs-Trauma und verabscheute als Folge dieses Traumas alles, was irgendwie mit Deutschland zu tun hatte. Dieses Trauma sollte sein Schiksal später erheblich beeinflussen.
Vater Leslie Hawthorn nahm regelmäßig an Motorradrennen auf dem nahen Brooklands-Kurs teil. Kein Wunder, dass der junge Hawthorn rasch eine große Motorsportbegeisterung entwickelte. 1950 begann der Sohn am Steuer eines vom Vater präparierten Riley-Sportwagens selbst Rennen zu fahren. Schnell traf er auf Peter Collins und Stirling Moss, die zu diesem Zeitpunkt als die besten Nachwuchsrennfahrer ihrer Zeit galten. Hawthorn konnte im Sportwagen mit ihnen mithalten und gewann mit Peter Collins - bei aller Rivalität - einen guten Freund. Bald folgte Hawthorn Collins und Moss in den Formelsport. Ein enger Freund der Familie, Bob Chase ermöglichte dem inzwischen „Farnham-Flyer“ genannten Mike den Aufstieg in die Formel 2.
Aufstieg direkt in die Formel 1
Um das Starterfeld der Formel-1 nach dem unerwarteten Ausstieg Alfa Romeos aufzufüllen, wurde die Formel-1-Weltmeisterschaft der Jahre 1952 und 1953 nach dem bisherigen Formel-2-Reglement ausgeschrieben. Beim dritten Saisonlauf 1952 feierte Mike Hawthorn sein Formel-1-Debüt - mit einem fabelhaften vierten Rang beim verregneten Großen Preis von Belgien (22. Juni 1952, Spa-Francorchamps, 36 Runden, Distanz von 508,32 km). Es waren nicht nur die ersten Wertungspunkte für den späteren Weltmeister, sondern auch die ersten WM-Punkte für den Cooper-Rennstall. Beim folgenden Großen Preis von Frankreich auf der wunderschönen Naturrennstrecke von Rouen-les-Essarts stoppte Hawthorn ein Zündungsdefekt. Doch in seinem dritten Formel-1-Rennen fuhr Hawthorn in Silverstone mit Platz drei erstmals auf das Podium, in den Zandvoort (Niederlande) folgte erneut ein vierter Platz. Diese Erfolge, die dem Einsteiger am Ende der Saison Platz vier der WM-Wertung bescherten, machten Enzo Ferrari auf den jungen Briten aufmerksam.
Enzo Ferrari lud Hawthorn nach Modena ein
Gemeinsam mit seinem Vater und dem Cooper-Bristol brach Hawthorn nach Italien auf, um seinen Cooper-Bristol mit dem Ferrari Tipo 500 zu vergleichen. Enzo Ferrari reagierte verschnupft, denn nach dem Verständnis des „Commendatore“ ging nicht um einen Test des Ferraris, sondern um den des Piloten. Nach einem Test des Tipo 500 wollte Hawthorn diesen Ferrari unbedingt fahren - auch wenn er grundsätzlich lieber einen englischen Wagen pilotiert hätte. Trotzdem einigte man sich für die Formel-1-Saison 1953 auf eine Zusammenarbeit. Hawthorn wechselte in das seinerzeit beste Formel-1-Team und die britische Boulevard-Presse startete eine fast beispiellose Hetzkampagne. Sie nannte Hawthorn einen Vaterlandsverräter, der mit seinem Wechsel nach Italien dem Militärdienst entgehen wolle. Dabei wurde freilich außer acht gelassen, dass er aufgrund seines chronischen Nierenleidens ohnehin vom Wehrdienst freigestellt war.
Im vierten Einsatz für Enzo Ferrari feierte Hawthorn seinen ersten Grand Prix Sieg. Am Ende der Saison belegte der „Farnham-Flyer“ Platz vier der Fahrer-Weltmeisterschaft. In die Formel-1-Saison 1954 ging Hawthorn als einer der Favoriten. Doch bereits im Frühjahr verunglückte er beim - nicht zur WM zählenden - Grand Prix von Syrakus auf Sizilien schwer. Hawthorn erlitt schwere Verbrennungen und lag zwei Monate im Krankenhaus. Kaum war Hawthorn nach England zurückgekehrt, verunglückte sein Vater Leslie Hawthorn tödlich - auf der Rückfahrt von einem Rennen in Goodwood. Den Rest der Saison spulte der sichtlich betroffene Mike nur als Pflichtprogramm ab, obwohl er beim letzten WM-Lauf in Spanien seinen zweiten Grand-Prix-Sieg feiern konnte. Hawthorn verließ Ferrari und wechselte zum jungen britischen Vanwall-Team. Nach nur einem Rennen überwarf er sich jedoch mit der Teamleitung und wechselte zu Jaguar, um Sportwagenrennen zu fahren.
Die Katastrophe von Le Mans
Mit einem impulsiven Manöver verursachte Hawthorn am 14. Juni 1955 die Katastrophe von Le Mans. In den frühen Abendstunden überholte Hawthorn den langsameren Lance Macklins in einem Austin-Healey auf der linken Seite, um dann plötzlich nach rechts zu ziehen und stark zu bremsen. Hawthorn hatte beschlossen, doch noch einen Boxenstopp zu absolvieren. Trotz seiner Vollbremsung kam Hawthorn erst 80 m hinter seiner Boxenmannschaft zum Stehen, was den Unsinn seines Fahrmanövers eindrucksvoll veranschaulicht. Der „geschnittene“ Macklin musste nach links ausweichen, wo jedoch Mercedes-Pilot Pierre Levegh mit hoher Geschwindigkeit nahte, nicht mehr reagieren konnte und dem Austin ins Heck knallte. Teile des Mercedes-Benz 300 SLR flogen brennend auf die Zuschauertribüne. Levegh und 83 Zuschauer starben.
Vielfach wird vermutet, dass der Haß Hawthorns auf alles Deutsche, sich auch gegen das favorisierte Mercedes-Werksteams richtete. Am Steuer seines Jaguar D-Type lieferte sich Hawthorn während des 24-Stunden-Rennens eine erbitterte Privatfehde. Insbesondere Juan Manuel Fangio hielt im Mercedes 300 SLR ernergisch dagegen. Vom Start weg schlugen beide ein Tempo an, das mehr einem Grand Prix als einem 24-Stunden-Rennen gerecht wurde. Nach zwei Rennstunden lagen Fangio und Hawthorn nur wenige Wagenlängen auseinander. Vermutlich wollte sich Hawthorn mit dem plötzlichen Boxenstop einen Vorteil verschaffen.
Das Rennen wurde nicht abgebrochen. Mike Hawthorn und Jaguar gewannen - nach dem Rückzug des Mercedes-Teams - die 24 Stunden von Le Mans 1955. Fortan galt Hawthorn weltweit als einer unbeliebtesten Piloten. Selbst in der britischen Heimat vergaß man seine grob fahrlässige Kurzschlussreaktion nie.
Rückkehr in die Formel 1 - Weltmeister 1958
Trotzdem kehrte Hawthorn 1957 - nach wenig erfolgreichen Starts für Vanwall, BRM und Maserati - zu Ferrari zurück, um sich schließlich 1958 mit nur einem Saisonsieg - wie 1982 Keke Rosberg - dank großer Zuverlässigkeit und Beständigkeit den Titel des Formel-1-Weltmeisters zu sichern. Dabei profitierte Hawthorn auch von der besonderen Fairness eines Stirling Moss. Denn beim Grand Prix von Portugal sollte Hawthorn nach einem Dreher disqualifiziert werden. Moss setzte sich für ihn ein und verhinderte die Disqualifikation. Moss sagte später einmal: „Wenn ich mich nicht so für ihn eingesetzt hätte, wäre ich jetzt Champion. Aber ich würde das jederzeit wieder tun, weil es fair war.“
Doch da Hawthorn gleichzeitig 1958 bei Rennunfällen mit Luigi Musso und Peter Collins seine beiden engsten Freunde im Fahrerlager verloren hatte, überraschte es niemanden, dass er zum Jahresende 1958 seinen Rücktritt vom Rennsport erklärte. Ohne seinen Freund Collins sei dieser Sieg nichts wert.
Der tödliche Unfall des amtierenden Formel-1-Weltmeisters
Nur wenige Wochen später lief Mike Hawthorn bei starkem Regen mit seinem privaten Jaguar 3.4 Liter MK1 auf der Umgehungsstraße bei Guildford auf einen Mercedes-Benz 300 SL auf. Er erkannte am Steuer den schottischen Rennstallbesitzer Rob Walker und forderte diesen sofort zum Duell heraus. Walker wollte nicht zurückstecken, musste jedoch schnell die Überlegenheit Hawthorns anerkennen. Doch in einer Links-Kurve verlor Hawthorn die Gewalt über seinen Wagen und prallte gegen einen Baum. Als Walker das Wrack erreichte, lag Hawthorn sterbend auf dem Rücksitz. John Michael Hawthorn starb am 22. Januar 1959, zweieinhalb Monate vor seinem dreißigsten Geburtstag, wenige Kilometer von der Unfallstelle seines Vaters entfernt.

Am Steuer solch eines Jaguars verunglückte Mike Hawthorn
Die Formel-1-Welt verlor mit Mike Hawthorn - trotz der nach außen zur Schau getragenen Gefühlskälte - einen ausgesprochenen Partylöwen und „prankster“ (Scherzbold). Hawthorn stieg stets mit Fliege oder Krawatte sowie einem weißem Hemd und Hose in das Cockpit seines Rennwagens. Sowohl bei schönen Frauen als auch bei einem guten Tropfen Alkohol selbst vor Renntagen soll er oft nicht „nein“ gesagt haben. Erst nach seinem Tod fand ein Biograph Belege dafür, dass ein unehelicher Sohn Hawthorns aus einer Verbindung mit einer Französin existiert. Enzo Ferrari die schwankende Fitness seines Fahrers, der in seiner letzten Saison oft aufgedunsen wirkte, auf diese Eskapaden zurück. Nach seinem Tod wurde bekannt, dass der Brite an Nierenkrebs litt. Zum Zeitpunkt des Unfalls betrug seine Lebenserwartung nach Einschätzung der Mediziner nur noch rund 18 Monate.



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