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Welche Chancen hat Felix Baumgartner beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring?

Felix Baumgartner

Felix Baumgartner will mit einem Audi R8 beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring antreten. Was soll der ambitionierte Auto-Blogger dazu sagen? Ich habe in der Tat einige Zeit überlegt, ob ich zu dieser Nachricht überhaupt etwas schreiben will. Denn ein richtiges Auto-Thema ist die Nachricht von einem Extremsportler, der an einem Autorennen teilnehmen will, nicht. Boulevard-Themen sind nicht so meine Sache. Mich interessiert eher die Frage, wie das Ganze sportlich einzuordnen ist.

Ich habe gestern mit einigen Leuten, die sich im Motorsport allgemein und am Nürburgring im Speziellen sehr gut auskennen, über Felix Baumgartner gesprochen. Profis, Funktionäre und Fans waren dabei. Interessant war, kaum jemand aus dem Kreis der Piloten und der Funktionäre möchte, dass sein Name im Zusammenhang mit dieser „Geschichte“ genannt wird. Alle sind – nennen wir es mal – zurückhaltend diplomatisch.

Dabei gab es durchaus positive Stimmen zu dem Projekt von Felix Baumgartner am Nürburgring. Zwei Gesprächspartner, deren Namen mir spontan entfallen sind, lobten das Ausbildungsprogramm der Audi race experience. Das habe in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen, dass es Leute gut auf Motorsporteinsätze vorbereite. Besonders Ausbildungsleiter Sepp Haider, als Aktiver in der Rallye-Welt zu Hause, wurde als „Super-Typ“ gelobt.

Der Hotelier, der nebenbei als Rallye-Profi unterwegs war, gewann 1988 in Neuseeland sogar einen Rallye-WM-Lauf – mit dem Opel Kadett GSi und Frontantrieb gegen die Konkurrenz der Allrader von Mazda, Audi und Lancia. Der Österreicher versteht etwas vom Autofahren und – noch wichtiger – kann das, da waren sich die Szenekenner einig, auch hervorragend an seine Schützlinge weitergeben.

Klingt nach guten Voraussetzungen für Felix Baumgartner beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring

Zumal Baumgartner als Extremsportler körperlich fit sein dürfte. Mit seinen Aktionen hat der Österreicher mehrfach bewiesen, dass er über gute Reflexe verfügt. Das sind alles wesentliche Voraussetzungen, um Rennen zu fahren. Auch hier waren sich meine Gesprächspartner einig. Genauso wie bei der Beurteilung der Teamkollegen. Felix Baumgartner soll sich am Nürburgring das Cockpit mit Frank Biela, Marco Werner und Pierre Kaffer teilen.

Die Motorsport-Erfahrung, die Baumgartner fehlt, kompensiert diese Mannschaft zumindest statistisch deutlich. Acht Gesamtsiege in Le Mans bringen Biela (fünf) und Werner (drei) mit. Beide kennen zudem den Audi R8 und die Nordschleife, die auch dem Dritten im Bunde extrem geläufig ist. Denn der Sportwagen- und Langstrecken-Spezialist Pierre Kaffer wuchs in Burg Brohl im Umfeld der Strecke auf. Kaffer gilt als einer der besten Piloten am Ring. Der in der DTM deutlich unter Wert geschlagene Kaffer war 2009 mit Ferrari GT-Klassensieger in Le Mans. Seit 2011 war der 35-Jährige hauptsächlich für PeCom Racing im Sportprototyp unterwegs.

An diese Motorsport-Erfahrung kommt Felix Baumgartner nicht heran. Die Rennsport-Erfahrung des Österreichers beschränkt sich auf Streckenbesuche und einen Gaststart im Scirocco Cup. Dabei hat sich Baumgartner in den Augen eines Gesprächspartners – sie wissen schon, mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war – nicht dumm angestellt, hat keinem im Weg gestanden. Und überhaupt, auf der Nordschleife seien schon schlimmere „Promis“ gestartet. Baumgartner sei wenigstens körperlich fit – das einzige Argument, bei dem sich alle Gesprächspartner einig waren.


Motorsport-Erfahrung als Zuschauer: Felix Baumgartner und David Hasselhoff beim Großen Preis von Monaco

Reicht das im Motorsport? Vermutlich nicht!

Das sportliche Urteil eines Rennprofis, dessen Name mir ebenfalls entfallen ist, zu Baumgartners Gaststart in Hockenheim ist eindeutig:

… Baumgartner habe im Scirocco Cup jedenfalls nicht gleich alles niedergerissen. Aber Fronttriebler seien halt eigenwillig und vielleicht sei der Österreicher mit einem Hecktriebler besser …

Doch dieser Hecktriebler ist eine andere Hausnummer. Der Audi R8 LMS Ultra, in dem Baumgartner sitzen wird, verfügt über rund 550 PS – 300 PS mehr als der Cup Scirocco hat. Natürlich sind Quervergleiche schwierig. Jedes Rennen hat seine eigene Geschichte. Trotzdem lohnt es sich, Baumgartners Auftritt im Scirocco Cup näher anzusehen.

Denn dort sind die Fahrzeuge identisch und Frank Biela war im gleichen Rennen unterwegs. Das macht die Sache besonders interessant, weil sich am Nürburgring beide das Cockpit teilen. In elf Runden (50,314 Kilometer) verlor Baumgartner (22:32.297 Minuten) auf Biela (22:11.561 Minuten) „nur“ 20,736 Sekunden. Wer nachrechnet, kommt darauf, dass Biela in Hockenheim pro Kilometer 0,41 Sekunden schneller als Baumgartner war.

Auf der 25,378 Kilometer langen Nordschleife wären das 10,46 Sekunden pro Runde – was eine extrem gute Leistung wäre. Ich glaube nicht, dass Baumgartner das schafft. Denn Hockenheim ist nicht der Nürburgring. Und der Fronttriebler auch für Biela – trotz seiner Zeit in der BTCC – eher ungewohnt. Auch Biela fuhr im Scirocco Cup „nur“ im Mittelfeld. Auf die Cup-Experten an der Spitze des Feldes verlor Baumgartner in den elf Runden schon 40,654 Sekunden.

Sind 0,81 Sekunden pro Kilometer oder auf der Nordschleife ein Rückstand von 20,51 Sekunden – pro Runde. Acht Runden dauert ein Stint auf der Nordschleife üblicherweise. Das wären schon 2:44,04 Minuten, die der Österreicher – immer einen optimalen Verlauf vorausgesetzt – pro Einsatz verlieren sollte. Alles achtbar, doch mit dem Ausgang des Rennens wird die Mannschaft so vermutlich wenig zu tun haben.

Obwohl ein Top 10 Platz möglich ist

Der wird umso wahrscheinlicher, je weniger Felix Baumgartner im Cockpit sitzt. Es gibt auch Le Mans Sieger, die kaum gefahren sind. Baumgartner muss zunächst noch mit drei Rennen in der Eifel die Nordschleifen-Lizenz erwerben. Das wird er schaffen. Trotzdem bleibt das Projekt wohl überwiegend eine Marketingaktion. Weil andere Autoblogger oder Lifestyle-Blogs und Magazine, auf die das Thema wohl abzielt, nicht hinter die Kulissen des Motorsports schauen, sorgt das wenigstens für etwas positive Aufmerksamkeit für die VLN und den Nürburgring. Immerhin etwas, denn der Nürburgring kann das ja gut gebrauchen.


Felix BaumgartnerInfos zum Titelbild:
Felix Baumgartner
Extremsportler Felix Baumgartner stellt sich nach seinem Stratosphaerensprung im Jahr 2012 auf der Nordschleife des Nürburgrings der Herausforderung des 24-Stunden-Rennens (Foto: Audi).
 

6 Kommentare

  1. du schreibst es ja IM OPTIMALFALL 20 Sekunden ich glaube dass das eher 30 pro Runde werden und dann wird das mit dem TOP 10 Platz schon knapp.

  2. Der Typ springt auch mit dem Fallschirm aus fast 40 km Höhe und erreicht Überschallgeschwindigkeit. Hoffentlich wissen die Leute, die ihm das Cockpit geben, was sie tun!

  3. Ich persönlich finde es sehr schade das der Motorsport heutzutage zu Marketing-Zwecken so ausgeschlachtet wird.
    Sicher gehen wir von einem trainierten Menschen aus der in seiner Karriere schon bedeutsames geleistet hat, aber befähigt das einen Felix Baumgartner auch sich „einfach so“ hinter das Steuer eines 550 PS-Autos zu setzen?
    Ich persönlich finde, dass soetwas die Leistungen langjähriger Piloten in den Schatten stellt und für seine Mitstreiter im Cockpit dürfte wohl ein Sieg schon zu 99% ausgeschlossen sein.
    Überhaupt wundert es mich das solch renomierte Fahrer sich bereiterklären mit einem „Promi“ auf die Strecke zu gehen; scheinbar muss ein gewisser Druck von RedBull und Audi ja da sein…
    Wir reden hier schließlich nicht mehr von doch recht „zahmen“ Cup-Fahrzeugen.
    Sicher lenkt man Interesse auf die VLN und den Nürburgring aber das dürfte auch schon der einzige Positiv-Effekt sein der dabei rausspringt.
    Und Herr Baumgartner verdient sich eine goldene Nase mit seiner eigenen Vermarktung…

    • Stimme Dir in vielen Punkten zu. Allerdings ist bisher ist nicht bestätigt, dass Red Bull als Sponsor auf dem Auto ist. Allerdings ist der Brausegigant auf dem Rennanzug des „Piloten“.

  4. Ich bin durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen. Ich muss schon sagen, mich hat es überrascht zu lesen, dass Felix Baumgartner jetzt auch Rennen fahren will.

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