Wie soll man den Auftritt der nanoFlowcell AG in Genf beurteilen? Wenn die Ankündigungen der Liechtensteiner stimmen, haben sie einen Weg gefunden, um Energieprobleme von Elektroautos zu lösen.

Allerdings klingt es nicht zwingend realistisch, wenn ein bisher völlig unbekanntes Unternehmen aus dem Stand „enorme Reichweiten und eine außergewöhnliche Performance“ für seine angekündigten Elektromobile verspricht. Zumal, wenn das Unternehmen seinen Sitz in Liechtenstein hat. Denn das kleine Fürstentum verbinden viele zunächst mit Briefkastenfirmen und seinem liberalen Stiftungsrecht. An Autobauer denkt beim Firmensitz Liechtenstein wohl niemand.

Das will die in Liechtenstein beheimatete nanoFlowcell AG ändern. Schon vor einem Jahr stellte das Unternehmen in Genf den Quant-E vor. In diesem Jahr steht die Weiterentwicklung Quant-F auf dem Genfer Autosalon. Für ihn verspricht das Unternehmen eine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h und eine Reichweite von bis zu 800 Kilometern. Für den Sprint von null auf Tempo 100 soll die 2,3 Tonnen schwere Sportlimousine nach Herstellerangaben nur 2,8 Sekunden benötigen.

Klingt fantastisch, oder?

Das Geheimnis des in Genf vorgestellten Quant-F ist seine Redox-Flow-Batterie. In diesen Flussbatterien zirkulieren energiespeichernde Elektrolyte in zwei getrennten Kreisläufen. Die eigentliche galvanische Zelle wird durch eine Membran in zwei Halbzellen geteilt. An dieser Membran fließt der Elektrolyt vorbei. Dabei entsteht ein Ionenaustausch. Die dabei gelösten Stoffe werden chemisch reduziert bzw. oxidiert, wodurch elektrische Energie frei wird.

Erfunden wurde die Flusszellentechnologie an der TU Braunschweig. Das erste Patent dazu meldete Dr. Walther Kangro im Sommer 1949 an. In den 1970er-Jahren beschäftigte sich die NASA mit der Technik. Fakt ist, dass die Leistungsfähigkeit der Zellen von den eingesetzten Elektrolyten abhängt. Aktueller Stand der Technik ist der Einsatz von Vanadium-Bromid-basierten Zellen. Vor einem Jahr stellten Forscher der Harvard University eine Redox-Flow-Zelle auf Basis von organischen Chinonen vor.

Sind die Angaben zum Quant-F realistisch?

Bis die Erbauer des Quant-F den Beweis für ihre Aussagen erbringen, müssen Zweifel gestattet sein. Es klingt einfach zu großartig, was die Gesichter der Firma nanoFlowcell AG in Genf ankündigten. Beides übrigens Branchenfremde. Vertreten wird das Unternehmen vom Schweizer Künstler Nunzio La Vecchia und dem Musikprofessor Jens Ellermann. Nunzio La Vecchia stellte bereits in der Vergangenheit Autos vor, die mit außergewöhnlichen Leistungsdaten glänzen sollten. Sicherlich nur ein Schönheitsfehler, dass das von La Vecchia vor einigen Jahren angekündigte Solar-Mobil bisher nicht über unsere Straßen rollt.

Quant-F auf dem Autosalon Genf 2015
Der Quant-F auf dem Autosalon in Genf

Immerhin spricht für eine Redox-Flow-Batterie, dass das Aufladen durch den Wechsel der Elektrolytflüssigkeit erfolgt. Das spart Ladezeit, weil die Energieanreicherung außerhalb der Batterie erfolgt. Der Quant-F besitzt wohl zwei jeweils 250 Liter große Tanks. Ihr Inhalt ist zu wechseln, wenn die Zelle keinen Strom mehr liefert. Doch es bleibt das Henne-Ei-Problem. Für den Erfolg des Quant-F ist eine Tankstellen-Infrastruktur notwendig. Wie die entstehen soll, dazu habe ich in Genf nichts gehört. Bisher heißt es von Seiten des Unternehmens nur wage „… werden wir zukünftig sicherlich auch strategische Partnerschaften und Kooperationen mit namhaften Unternehmen abschließen …“.

Natürlich ist es grundsätzlich denkbar, dass das Unternehmen einen besonders energiereichen Elektrolyt gefunden hat. Denn das ist eine Voraussetzung für einen Erfolg des Konzepts. Bisher galt die Energiedichte der Flussbatterien als nicht ausreichend, um ein Fahrzeug anzutreiben. Hochqualifizierte Wissenschaftler arbeiten seit mehr als 60 Jahren an Redox-Zellen. Dass jetzt zwei Künstler das Tor zu einer neuen Dimension öffnen, klingt einfach zu phänomenal. Die zum Quant-F verkündeten Daten erfordern nicht nur eine Weiterentwicklung sondern einen Quantensprung.

Heute bekannte Redox-Zellen verfügen über eine Energiedichte von circa 50 Wh pro Liter Elektrolytflüssigkeit. Zum Vergleich, die Energiedichte von Dieselkraftstoff liegt bei circa 10 kWh pro Liter. Auch heise.de meldet da so seine Zweifel an. Diesen Zweifeln entgegnet Professor Ellermann in einem Interview auf der Webseite des Unternehmens, dass Kritiker schlicht unwissend seien. Das mag stimmen, doch das beste Mittel gegen Unwissenheit ist Transparenz – und die kann nur die nanoFlowcell AG schaffen.

 

1300ccm.de - Auto-Blog für Auto-Natives ist auch bei Facebook. Wir freuen und über ein Like.




Ähnliche Artikel


Infos zum Titelbild des Beitrags in diesem Auto-Blog:

Der Quant-F mit seinen Erbauern Professor Jens Ellermann und Nunzio La Vecchia am 3.3.2015 in Genf.

Der Quant-F mit seinen Erbauern Professor Jens Ellermann und Nunzio La Vecchia am 3.3.2015 in Genf.


2 Comments

  1. Guter Artikel! Ein kleiner Tippfehler ist Ihnen unterlaufen: beim Diesel sind es ca. 10 kWh, sonst passt es nicht mit den Einheiten 😉

Write A Comment