Kaum ein Hersteller verzichtet noch auf das Angebot eines Sport Utility Vehicle. Die Kunden schätzen die Mischung aus „Komfort“ und erhöhter Sitzposition. Seltener ist ihnen die Geländegängigkeit wichtig. 2015 entschieden sich in Deutschland schon rund 600.000 Käufer für einen SUV oder Geländewagen. Im vergangenen Jahr zählten die Statistiker mehr als 820.000 Neuzulassungen in dieser Gattungsgruppe.

Das entspricht einem Marktanteil von 23,3 Prozent. Damit lagen die SUV vor der Kompaktklasse, die bisher traditionell in Deutschland die stärksten Stückzahlen aufwies. Möglich macht der Erfolg, dass es inzwischen „Stadt-Geländewagen“ in allen Größen gibt. Den Anfang nahm die Entwicklung bereits vor fast 50 Jahren. Denn schon 1970 nahm der Range Rover das Motiv SUV voraus, auch wenn dieser Begriff damals noch nicht gebräuchlich war. Deshalb galt der Range Rover lange als Luxus-Offroader.

Im Innenraum bietet der Rolls-Royce Cullinan den erwarteten Luxus.
Im Innenraum bietet der Rolls-Royce Cullinan den erwarteten Luxus – Foto: Rolls-Royce Motor Cars

Später folgten Fahrzeuge wie der Monteverdi Safari oder der Lamborghini LM001 dem Vorbild des Briten. Erst in den 1990er-Jahren wurden SUV volksnäher. Toyota brachte 1994 den RAV4 auf den Markt. Drei Jahre später erweiterte Land Rover mit dem Freelander sein Programm nach unten. Als 2002 Porsche den SUV Cayenne vorstellte, brachen endgültig alle Dämme. Schritt für Schritt entdeckten immer mehr Hersteller das Segment der SUV für sich. Wobei ein klassenübergreifendes Phänomen entstand.

Denn auch wenn SUV zunächst lange mit Luxus gleichzusetzen war, sorgen inzwischen Fahrzeuge wie der VW Tiguan oder Opel Mokka für Stückzahlen. Um so erstaunlicher, dass auch das Segment der Luxus-SUV in den vergangenen Jahren kontinuierlich wuchs. Denn der Markt bietet SUV wie den Bentley Bentayga, den Maserati Levante oder den Lamborghini Urus. Aston Martin bestätigt die Planungen für den SUV Aston Martin DBX.

Auch Rolls-Royce folgt dem Trend

Offensichtlich konnte sich da auch Rolls-Royce dem Trend nicht weiter verschließen. Denn mit dem Rolls-Royce Cullinan gibt es jetzt auch in Goodwood einen SUV. Vor genau sechs Jahren war das (fast) unvorstellbar. Denn damals sagte Rolls-Royce-Chef Müller-Ötvös „Ich bin mir nicht sicher, ob ein SUV für Rolls-Royce das Richtige wäre. Im Moment sehe ich das nicht.“ Nur ein Jahr später schloss Müller-Ötvös den SUV bei Rolls-Royce dann schon nicht mehr aus.

Damit bekommen wir eine Vorstellung von der Entwicklungsdauer des ersten (modernen) SUV aus Goodwood. Denn mit dem Rolls-Royce Cullinan gibt es jetzt auch bei der britischen die BMW-Tochter einen SUV. Dass der SUV den Namen des größten je gefundenen Diamanten trägt, gibt die Richtung vor. Rolls-Royce definiert das Thema SUV nach Art des Hauses so luxuriös, dass die Wettbewerber fast wie Vertreter der Holzklasse wirken.

Kühlergrill des Rolls-Royce Cullinan
Kühlergrill des Rolls-Royce Cullinan – Foto: Rolls-Royce Motor Cars

Das fängt mit dem Kühlergrill, der an das Portal einer Kathedrale erinnert an, und setzt sich mit einem (angedeuteten) Stufenheck fort. Zwischen diesen Endpunkten liegen mehr als fünf Meter. Denn über alles misst der Cullinan freundlichen 5,34 Meter. In der Breite benötigt dieser Rolls-Royce 2,16 Meter Raum. Womit die linke Spur einer Autobahnbaustelle in der Regel als Verkehrsraum für den Cullinan ausscheidet. Die Höhe der Dachkante liegt bei 1,83 Metern.

Ich bin sicher, dass die Kunden den Auftritt des Rolls-Royce Cullinan lieben!

Denn Karla und ich erlebten vor einem Jahr auf der Techno Classica in Essen einen Interessenten für den Cullinan. Im Nachgang zu unserem Roadtrip „Pommes de Luxe“ hatten wir dort einen Termin bei Rolls-Royce. Mitten in unser Gespräch platzte ein Niederländer. Der Herr war circa 60 Jahre alt. Dank seiner Sonnenbrille im Style von Ebby Thust, seiner weißen Hose und eines Pullis mit ausladenden Mustern wirkte der Herr etwas aus der Zeit gefallen.

Mit diesem Outfit hätte er in den 1980er-Jahren in dem kleinen Straßencafé am Eingang der Hamburger Gänsemarkt-Passage eine gute Figur abgegeben. Denn dort trafen sich regelmäßig damals die „Manager“ der Hamburger Ludenkartelle. Geschmack und Stil sind keine Frage des Geldes, dachte ich, als der Niederländer ohne Rücksichtnahme auf das laufende Gespräch unseren Gesprächspartner von der Seite ansprach: „Wann kommt das SUV?“

Während der Niederländer sprach, warf er – gewollt – lässig einen Schlüssel von Bentley auf den Tisch. Unser Gesprächspartner antworte höflich, dass der SUV im nächsten Jahr kommen würde. Das befriedigte den Fragenden nur teilweise. Denn der „Käsebaron“, wie Karla und ich den Herren für uns tauften, parierte die Antwort mit einem gewissen Unmut über sein aktuelles Fahrzeug: „Gut, dann muss ich wenigstens keinen Volkswagen mehr fahren!“ Er drehte sich um und zog genauso grußlos von dannen, wie er die Szene betreten hatte.

Protzigkeit kennt keine Grenzen!

Der SUV befriedigt diesen Anspruch, wie die ersten Pressefotos des Rolls-Royce Cullinan zeigen. Und bei aller Kritik, gewissermaßen kehrt Rolls-Royce mit dem Cullinan sogar zum Ursprung der Marke zurück. Denn die Rolls-Royce-Gründer Frederick Henry Royce und Charles Rolls hatten von Anfang an das Ziel, das beste Auto der Welt zu bauen. Dazu gehörte von Anfang an die typische „Tempel-Form“ des Kühlers.

Rolls-Royce Cullinan in der Wüste
Rolls-Royce Cullinan in der Wüste – Foto: Rolls-Royce Motor Cars

Zudem kam ein Rolls-Royce dahin, wo andere Autos längst aufgeben mussten. Schon der Erstling Rolls-Royce 40/50 hp stellte zahlreiche Langstreckenrekorde. Thomas Edward Lawrence verewigte Rolls-Royce literarisch. „Ein Rolls-Royce in der Wüste ist mehr wert als Rubine“ schrieb „Lawrence von Arabien“ in seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“. Zum Mythos Rolls-Royce trug auch der triumphale Erfolg bei der Alpenfahrt 1913 bei. Damals beendeten die vier Rolls-Royce alle Etappen auf den ersten vier Plätzen.

Insofern ist ein SUV wie der Cullinan dem Kern der Marke Rolls-Royce näher als gedacht. Denn eine Wattiefe von 54 Zentimetern und der erstmals bei Rolls-Royce verfügbare Allradantrieb sorgen dafür, dass der Rolls-Royce Cullinan kaum Grenzen kennt. Insofern sind auch Details wie ein Gewehrhalter für die Großwildjagd nur konsequent. Da ist auch ein Heck zu verschmerzen, das mich an den Seat Toledo erinnert.

 

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Rolls-Royce Cullinan im Gelände

Foto: Rolls-Royce Motor Cars


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