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Rover V8 – der Ami aus dem britischen Solihull

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1967 präsentiert Rover „plötzlich“ einen eigenen V8-Motor. Der Aluminiummotor wird fast 40 Jahre lang zahlreiche Autos von Rover, Land Rover, MG, Morgan, TVR und Ginetta antreiben. Das war beim Debüt nicht vorhersehbar. Denn die Premiere war eigentlich eine Wiederbelebung.

Mit den Modellen Rover P4 (1949), P5 (1958) und P6 (1963) erwarb sich Rover nach dem Zweiten Weltkrieg einen guten Ruf. Autos von Rover galten technisch und qualitativ hochwertige Fahrzeuge. Mitte der 1960er hat der britische Autobauer große Pläne. Die Verantwortlichen des Unternehmens wollen expandieren. Mit einer Oberklasse-Limousine und einem Sportwagen will Rover sein Sortiment nach oben erweitern.

Für den Schritt in die Oberklasse muss ein neuer Motor her. Der eigene Sechszylinder ist veraltet. Schließlich stammt die Konstruktion aus den 1930er-Jahren und trieb schon den Rover Meteor Sixteen an. Doch ein neuer Motor ist nicht verfügbar. Die Entwicklung der Gasturbine hat viel Geld gekostet. Auch der neue Vierzylinder, den Rover 1963 mit dem Rover P6 vorstellt, hat Kapazitäten gebunden.

Wo kommt der Rover V8 her?

Rover kauft im Januar 1965 die Rechte an einem V8 von Buick. Die amerikanische GM-Tochter entwickelt nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit der Aluminum Company of America einen 3,5 Liter großen V8-Motor. Das Kammervolumen von 215 Kubik-Zoll (cubic inch) macht den V8 zum Small-Block.

Ende 1960 debütiert der neue Motor gleichzeitig bei Buick, Oldsmobile und Pontiac in einer ganzen Reihe von Modellen. Mit 144 Kilogramm ist der Motor beim Debüt der leichteste Serien-V8 der Welt.Für den Geschmack von US-Kunden ist der V8 mit „nur“ 3,5 Liter Hubraum recht klein. In der Klasse der „Senior Compact Cars“ dominieren die günstigeren Sechszylinder.  Doch die Produktion des Aluminiummotors mit acht Zylindern ist wegen des aufwendigen Alu-Gusses teuer.

Zudem gibt es Probleme mit der Zuverlässigkeit. Buick hat die Kanäle des Kühlkreislaufs nicht genügend versiegelt. Frostschutzmittel im Kühlwasser reagieren mit dem Aluminium. Die Folge ist eine verstärkte Kalkbildung, die Motoren sterben den Hitzetod. GM streicht den Alu-Motor daher nach nur zwei Jahren aus dem Programm. Der Nachfolger bekommt einen Motorblock aus Eisen und Alu-Zylinderköpfe. Zudem ist der Hubraum mit fünf Litern deutlich größer.

Das macht den Weg frei für Rover!

Denn Rover-Chef William Martin-Hurst hat längst seine Fühler nach einem US-V8 ausgestreckt. J. Bruce McWilliams, Leiter der US-Niederlassung von Rover, soll in den USA einen passenden Motor finden. Der Legende nach entdeckt J. Bruce McWilliams den 3.531 ccm großen Buick-V8 der Versuchswerkstatt einer amerikanischen Bootswerft. Eigentlich will McWilliams beim Bootsbauer die Rover-Gasturbine an den Mann bringen.

Rover V8 im Rover 3500 V8 (Rover P6) – Foto: The Car Spy (CC3.0)

Rover nimmt Verhandlungen mit GM auf. Die Amerikaner sind vermutlich froh, mit der „Fehlentwicklung“ noch etwas Geld zu verdienen. Sie verkaufen die Rechte an dem V8 an Rover. Zusammen mit dem Motor wechselt auch Buick-Ingenieur Joseph D. Turlay nach Großbritannien. Der Ruheständler, der den ursprünglichen Motor entwickelte, berät Rover fortan bei der Anpassung des Motors an europäische Bedürfnisse.

Rover macht den V8 standfest

Rover erweitert die Kühlkanäle. Zusammen mit größeren Kühlern löst diese Maßnahme tatsächlich das Hitzeproblem. Zudem verpaßt Rover dem Motor Zylinderlaufbuchsen. Die Gemischaufbereitung bei Rover übernehmen zwei HS6 Vergaser von Skinner-Union. Die Anpassungen machen den Motor trotz seiner unten liegenden Nockenwelle und Stößelstangen relativ drehfreudig und vollgasfest.

Mit 170 Kilogramm hat der Motor bei Rover etwas an Gewicht zugelegt. Im Herbst 1967 ist der Rover V8 serienreif und feiert im überarbeiteten Rover P5B Premiere. Aus 3.528 ccm stehen 160 PS Leistung und 280 Newtonmeter Drehmoment zur Verfügung. Damit beschleunigt der P5B – das B ist ein Verweis auf Buick – in 10,7 Sekunden auf ein Tempo von 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei fast 180 km/h.

Rover P6BS Prototyp mit dem V8 aus dem P6 ist kantig, wie der spätere Range Rover. (Foto: Tom Schwede)

Zudem fährt sich der überarbeitete Rover P5B mit dem V8 besser als die Sechszylinder-Modelle. Denn der V8 spart immerhin rund 90 Kilogramm Gewicht. Das reduziert die Kopflastigkeit der Limousine und belebt das Fahrverhalten spürbar. Zusammen mit dem V8 stellt Rover den Prototypen des Sportwagens Rover-Alvis P6-BS vor. Doch der von David Bache gestaltete Sportwagen geht nicht in Serie.

Der Rover V8 startet durch!

1967 verliert Rover seine Unabhängigkeit an Leyland. Unter dem Dach des Lkw-Produzenten wird Rover zur Schwester von Triumph. Die neuen Inhaber verteilen die Rollen: Triumph ist ihre Sportwagen-Marke. Rover soll stattdessen die Oberklasse ins Visier nehmen. Die Mannschaft in Solihull konzentriert sich daher auf die Entwicklung ihrer Oberklasse-Limousine P8 und des geplanten Range Rover.

Leyland stoppt bei Rover auch die Entwicklung von Fünfzylinder und Sechszylinder-Motoren. Sie will Rover ursprünglich vom mit dem P6 präsentierten Vierzylinder ableiten. Leyland stoppt die teure Entwicklung. Stattdessen wandert 1968 der kompakte V8 in den Motorraum des P6. Dort ist genug Platz, schließlich plante Rover ursprünglich im P6 das Debüt der Gasturbine.

Kunde Morgan nutzt, was die Konzernschwester Triumph nicht will!

Im gleichen Jahr fusioniert Leyland mit der British Motor Holdings (BMH) zur British Leyland Motor Corporation (BLMC). Die Mehrheit der britischen Autoindustrie ist damit unter einem Dach vereint. Zu den wenigen unabhängigen Autobauern gehört Morgan. Im Morgan Plus 8 schlägt ab 1968 ein V8-Herz von Rover.

Zum Debüt des Range Rover treibt der V8 außerdem natürlich den Urvater aller Luxus-SUV an. Chefentwickler Charles Spencer King bezeichnet den V8 als Glücksfall. Trotzdem braucht BLMC etwas Zeit, um den V8 ohne Rover-Label in einem Konzernprodukt einzusetzen. Erst 1973 gibt es den MGB GT V8 mit Rover V8.

Beim Triumph Stag war das noch drei Jahre zuvor noch nicht möglich. Den Stag bietet Triumph lieber mit einem eigenen V8 an. Dafür sind übrigens nicht nur die tiefen Gräben zwischen den Schwestern Triumph und Rover verantwortlich. Auch GM will zunächst nicht, dass der „eigene“ Motor in englischen Sportwagen den US-Markt aufmischt. Erst 1979 gibt es daher den Rover-V8 im Triumph TR8.

Bereits ab 1975 gibt es den V8 auch in der Militärversion des Land Rovers. Der neue Rover SD1 folgt ein Jahr später. Die Arbeiten an einer Diesel-Version für Range Rover, Rover SD 1 und Jaguar XJ sind allerdings nicht erfolgreich. Project Iceberg heißt der Selbstzünder. Doch es gibt Probleme mit den Zylinderköpfen und – welche Ironie – erneut Temperaturprobleme. British Leyland verzichtet auf eine Serieneinführung.

Die Benzin-Version ihres V8 pflegen die Entwickler laufend.

Schon 1973 gibt es in Australien eine 4,4-Liter-Version des Motors. Bis 1976 treibt diese zusammen mit dem Oberklasse Rover P8 entwickelte Motorvariante exklusiv den Leyland P76 an. Denn British Leyland hat das Projekt P8 längst abgebrochen. In der Heimat bleibt der Hubraum zunächst unverändert. Dafür weichen die Vergaser einer Einspritzanlage. Damit steht eine Leistung von 190 PS zur Verfügung.

Pressemitteilung zum Start des Land Rover Discovery 1989 – Antrieb Rover V8 (Quelle Jaguar Land-Rover)

Jetzt greift auch TVR zu. Den TVR 350i von 1980 treibt der Rover V8 an. Zudem sichert sich TVR das Recht zur Weiterentwicklung des Motors. 1986 bringt TVR den Hubraum des Motors auf 3,9 Liter und realisiert eine Leistung von 240 PS. Später TVR entlockt dem Block wahlweise einen Hubraum von 4,3 Litern (4.280 ccm), 4,5 Litern (4,444 ccm) oder 5,0 Litern (4,997 ccm). Doch diese Modelle entstehen mit viel Aufwand in Handarbeit und in kleinen Stückzahlen.

Zum Schluß gibt es den Rover V8 mit 4,6 Liter Hubraum

Erst 1989 folgt die Rover Group, wie sich British Leyland inzwischen nennt, TVR und erweitert den Hubraum. Mit 3.946 ccm feiert größere V8 im Range Rover 3.9 Premiere. Auch Morgan und TVR kaufen diese Version. Zudem wird 1991 auch Ginetta Rover-Kunde. Bei Rover entsteht unterdessen eine 4,2-Liter-Variante (4.275 ccm). Ihre Kurbelwelle stammt vom nicht eingeführten Diesel-Motor („Project Iceberg“).

Parallel dazu setzt sich für den 3.9 ab 1994 die Bezeichnung 4.0 durch – ohne tatsächliche Hubraum-Änderung. Den offiziellen Schlusspunkt setzt ab 1996 die 4,6-Liter-Variante (4.552 ccm). Der neue Rover-Eigner BMW rüstet die Motorsteuerung auf Technik von Bosch um. Damit stehen 224 PS zur Verfügung. Bis 2002 treibt der V8 den Range Rover und bis 2004 den Land Rover Discovery an. Dann endet die Massenproduktion des Rover V8 nach fast 40 Jahren.



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Infos zum Titelbild des Beitrags in diesem Auto-Blog:
Auch der Range Rover bekommt 1970 den V8 (Foto: Land Rover Classic)

 

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