Émile Levassor kennen heute nur noch eingefleischte Auto-Historiker. Dabei prägte der Ingenieur das Auto, wie wir es heute kennen, entscheidend mit. Heute vor 120 Jahren starb Levassor in Paris an den Folgen eines Rennunfalls. Der Konstrukteur und Rennfahrer gilt daher als der erste tödlich verunglückte Motorsportler.

Émile Levassor am Steuer eines Panhard & Levassor P2D von 1894
Émile Levassor (links) am Steuer eines Panhard & Levassor P2D von 1894

Die Erfindung des Autos stand am Ende einer längeren Entwicklungsgeschichte. Bereits 1769 baute der Nicholas Cugnot einen dreirädrigen Dampfwagen für die französische Armee. Anfang des 19. Jahrhunderts baute der Brite Richard Trevithick mit seinem London Steam Carriage eine mit einer Dampfmaschine bestückte Postkutsche.

Die hohen Betriebskosten, ein Dampfwagen war im Unterhalt teurer als eine normale Postkutsche, verhinderten den Erfolg. Es folgten andere Entwickler, die die Dampfmaschine durch Elektromotoren ersetzen. Sie scheiterten am hohen Gewicht der Batterien und ihrer geringen Energiedichte.

Émile Levassor definiert die Grundzüge des Autos mit

In weit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Auto mit dem Verbrennungsmotor langsam zum Erfolgsmodell. Wer heute die damaligen Konstruktionen betrachtet, entdeckt viele Gemeinsamkeiten. Alle wesentlichen Konstruktionen erinnern an Kutschen. Bei praktisch allen Fahrzeugen platzierten ihre Entwickler den Antrieb in der Nähe der Hinterachse. Es war der 1843 geborene Émile Levassor, der als Erster von diesem Grundaufbau abweicht.

Levassor schließt sein Studium an der École Centrale des Arts et Manufactures in Paris 1864 ab. Anschließend nimmt der Ingenieur zunächst eine Tätigkeit in einem Sägewerk auf. Die heute als École Centrale Paris bekannte Hochschule gilt als Wiege der französischen Ingenieurskunst. Neben Émile Levassor studieren hier auch Gustave Eiffel, André Michelin und Armand Peugeot. Nach acht Jahren im Sägewerk zieht Levassor weiter, um als Teilhaber bei Périn, Panhard & Cie. einzusteigen.

Beim Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen findet Levassor in Mitinhaber René Panhard einen engen Vertrauten. Périn, Panhard & Cie. ergänzt sein Angebot bald um Gasmotoren nach dem Patent von Gottlieb Daimler. Auch mit dem schwäbischen Tüftler entwickelt Émile Levassor eine enge Freundschaft. Beide tauschen sich in den folgenden Jahren regelmäßig aus.

1890 führen diese freundschaftlichen Beziehungen dazu, dass die Franzosen auch den von Daimler konstruierten V-Motor in Lizenz fertigen. Ursprünglich betraute Gottlieb Daimler den Anwalt Edouard Sarazin mit der Wahrnehmung seiner Interessen in Frankreich. Nach dem Tod von Sarazin 1887 übernahm dessen Witwe Louise die Verwaltung der Rechte. Sie wird drei Jahre später die Ehefrau von Émile Levassor.

Schon 1891 nimmt Panhard & Levassor die Serienproduktion auf

Mit dem Daimler-V-Motor konstruieren René Panhard und Émile Levassor ihr erstes Auto. Auch sie platzierten den Motor zunächst in der Fahrzeugmitte. Die vier Passagiere sitzen Rücken an Rücken um den Motor herum. Diese dos-à-dos genannte Anordnung ist 1890 Standard. Doch Standard genügt den Konstrukteuren nicht. Zudem stört den Ingenieur Levassor, dass der Kühler in der Fahrzeugmitte nicht optimal arbeitet.

Panhard & Levassor P2D als Zweisitzer, 1894
Panhard & Levassor P2D als Zweisitzer, 1894

Also wanderen Motor, Getriebe und Kühler an die Fahrzeugfront. Ketten übertragen die Antriebskraft an die Hinterräder. Als Système Panhard findet diese Anordnung bis heute Anwendung. Auch wenn natürlich bald eine Kardanwelle die Ketten ersetzt. Schon 1891 starten Panhard und Levassor die Serienproduktion. Der Panhard & Levassor P2D gilt als erstes in Serie gebautes Auto der Welt.

Im Debütjahr gehen bereits fünf Fahrzeuge an Kunden. Sie gelten heute als die ersten Benziner in der Kundenhand. In den folgenden Jahren sind es schon mehrere Hundert Exemplare pro Jahr, die die Fabrikhalle des Unternehmens verlassen. Um die Autos zu vermarkten, gibt es bei Panhard & Levassor bereits kurz nach Produktionsbeginn gedruckte Farbprospekte. Auch das gilt heute als Pioniertat.

Daneben glänzt Panhard & Levassor, wie das Unternehmen nach dem Tod von Jean-Louis Périn inzwischen auch offiziell heißt, mit weiteren Innovationen. 1894 entsteht auf Basis des P2D ein Omnibus. Mit den Typen M2 und M4 folgen bald zudem die ersten Lieferwagen des Unternehmens. Bei ihnen hilft das Système Panhard, den Platz für die transportierten Waren zu maximieren. Ab 1897 gibt es im Typ M4 auf Wunsch auch erstmals ein Lenkrad mit schrägstehender Lenksäule.

Émile Levassor entdeckt den Motorsport

Von Anfang an tritt der Autobauer Panhard & Levassor bei den aufkommenden Motorsport-Wettbewerben an. Schon beim Rennen Paris-Rouen von 1894, das als erstes Autorennen überhaupt gilt, ist Émile Levassor dabei und wird Fünfter. Ein Jahr später tritt Levassor bei der Fernfahrt Paris–Bordeaux–Paris an und kommt als Erster ins Ziel. 48 Stunden und 48 Minuten benötigt der Rennfahrer für die 1.178 Kilometer lange Strecke.

Doch der von Émile Levassor gesteuerte Panhard & Levassor hat – wie der Peugeot des Zweitschnellsten – nur zwei Sitzplätze. Das Reglement sieht mindestens vier Sitzplätze vor. Deshalb ehren die Verantwortlichen des soeben gegründeten Automobile Club de France (ACF) den drittplatzierten Paul Koechlin als Sieger. Trotzdem feiert das Publikum Levassor als moralischen Sieger.

Im Folgejahr schreibt der ACF im Herbst die Fernfahrt Paris–Marseille–Paris aus. Vom 24. September bis zum 3. Oktober 1896 gehen 32 Teilnehmer auf die Reise. Die Strecke führt von Paris in insgesamt zehn Etappen über Dijon und Lyon nach Marseille und zurück. Levassor gewinnt die Etappen zwei (Auxerre-Dijon über 151 Kilometer) und drei (Dijon-Lyon über 198 Kilometer) und übernimmt die Führung.

Der Unfall in der Provence

Doch auf der vierten Etappe muss Émile Levassor in der Nähe von Orange einem Hund ausweichen. Dabei kommt der Rennwagen ins Schleudern und wirft den Piloten ab. Beim Sturz verletzt sich Levassor schwer. Trotzdem fährt der Rennfahrer die Etappe zu Ende. Anschließend übernimmt Mechaniker Charles d’Hostingue das Steuer. Zusammen erreichen Levassor und d’Hostingue auf dem vierten Platz das Ziel in Paris.

Den Sieg sichert sich mit Werkstattleiter Émile Mayade ein Angestellter von Panhard & Levassor. Émile Levassor erholt sich nie ganz von den Verletzungen. In den folgenden Monaten ist der Rennfahrer apathisch und appetitlos, zieht sich immer mehr zurück. Am 14. April 1897 stirbt Levassor schließlich an den Folgen des Unfalls und gilt damit heute als erster Todesfall des Motorsports.




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