Der Wunsch nach Individualität treibt seltsame Blüten. Das gilt offensichtlich auch beim eigenen Auto. Denn anders sind die großen künstlichen Wimpern, die ich kürzlich in Hamburg an einem Smart sah, nicht zu erklären.

Früher war alles vieles einfacher!

Im Streben, sich von der Masse abzusetzen, standen lange Zeit Eleganz und Charakter im Mittelpunkt. Besonders der Adel und das gehobene Bürgertum, also die, die sich weit vor allen anderen, Individualität leisten konnten, strebten danach. Die höchste Form, die die Menschheit in diesem Streben je erreichte, war der britische Gentleman. Der war genauso schrullig wie liebenswert. Auch in hektischen Situationen bewahrte der Gentleman seine natürliche, altmodische, immer etwas dünkelhafte Unaufgeregtheit. Sicherlich, diese Eleganz war für Außenstehende immer von einer gepflegten Langweise durchdrungen. Doch am Ende geht diese Außenbetrachtung sicher auf purem Neid zurück. Denn Müßiggang musste man sich auch im 19. Jahrhundert erst einmal leisten können.

Heute ist alles vieles anders!

In den – sagen wir mal – letzten 50 Jahren ist, um es mit Loriot zu sagen, viel mehr Lametta gefragt. Schriller, lauter und aufgeregter sind unsere Zeiten. Inzwischen, aber das ist ein anderes Thema, gilt das leider auch für die Politik. Denn gerade dort haben Thesen und Versprechungen, die sachliche Argumentation in weiten Teilen verdrängt. Das gilt übrigens nicht nur für US-Präsident Donald Trump. Das hat längst auch das gute alte Europa, ja gar Deutschland erreicht. Denn anders ist nicht zu erklären, dass Martin Schulz mit markigen Sprüchen zum Hoffnungsträger der Sozialdemokratie gereift ist – ohne bisher auch nur im Ansatz erkennen zu lassen, für welches Programm der Ex-Bürgermeister von Würselen steht.

Smart mit Wimpern am Auto
Ein Smart in Hamburg

Lassen wir das, kehren wir zum Auto zurück!

Das Geschäft mit Extras ist für alle Hersteller ein gutes Geschäft. Beim – zugegeben – wunderschönen Mercedes AMG GT Roadster kosten 81 PS Zusatzleistung und ein geändertes Fahrwerk, die dem AMG GT Roadster zum GT C Roadster reifen lassen, freundliche 31469,55 Euro. Das ist ungefähr der Listenpreis unseres letzten Testwagens. Mehrwert hat offensichtlich viel mit Müßiggang gemeinsam. Denn beides muss man sich auch heute noch leisten können. Das Spiel mit den Extras funktioniert übrigens auch in kleineren Fahrzeug- und Preisklassen. Böse Zungen sagen sogar, dass Extras gerade dort die Individualität kultivieren, wo sie eigentlich nicht vorhanden ist. Anders ist wohl kaum zu erklären, wenn klassische Brot- und Butter-Autos wie der Opel Adam oder BMW „Null“ – aka Mini – dank einer sehr persönlichen Ausstattung zum Lifestyle-Artikel mutieren.

Fast alles ist möglich – irgendwann!

Ein anders farbiges Dach oder viel Chrome, eine große Uhr auf dem Armaturenbrett oder andere Glanzpunkte im Innenraum, denkbar ist Vieles. Wenn das beim Zusammenstellen des Autos nicht oder nicht genügend funktioniert hat, lässt sich diese Individualität auch später noch nachrüsten. Wobei interessante modischen Schwankungen zu beobachten sind. Vor 30 Jahren waren plötzlich Sitzbezüge aus Holzkugeln der letzte Schrei im Nachrüstgeschäft. Später kamen Scheinwerfer mit bösem Blick in Mode. Zeitweilig gab es auf unseren Straßen – zumindest in einigen Stadtteilen – aus heiterem Himmel jede Menge Autos, die ihren Unterboden mit LED-Lichtern beleuchteten.

Heute wechseln Autos dank der Fortschritte beim Bekleben mit Folierungen auch schon eimal die Farbe oder ziehen sich gar ein Tarnkleid über. Daneben haben Autofahrer offensichtlich auch wieder die Scheinwerfer als Instrument der Individualisierung entdeckt. Wobei jede Zeit ihre eigenen Ausdrucksmittel findet. Wirkten Autos mit dem bösen Blick immer etwas verkniffen, sind jetzt scheinbar künstliche Wimpern der jüngste Schrei. Während in den 90ern Clint Eastwood oder Pulp Fiction bei der Modifikation des eigenen Autos Pate standen, sind es heute Tootsie und Olivia Jones, die dem eigenen Auto einen besonders koketten Blick geben.

Audi mit Wimpern
Audi mit Wimpern (Foto: Lutz Rodrigues Do Nascimento)

Die Gegenwart steht also, zumindest beim Auto, vielleicht auch für eine neue Lockerheit. Ich sah diese neue Lockerheit erstmals vor ein paar Tagen in Hamburg. Einen Tag später postete Lutz Rodrigues Do Nascimento bei Facebook das Foto eines mit Wimpern bestückten Audi. Offensichtlich hat uns mit diesen Auto-Wimpern eine neue Modewelle erreicht. Bei mir blieben die Wischlappen-Reste, die die Wimpern abgeben, nicht ohne Wirkung. Denn ich frage mich, was jemanden antreibt, sein Auto auf diese Art und Weise zu modifizieren verunstalten.

Sicher, auch bei Wimpern am Auto gilt, jeder, wie er es mag!

Trotzdem, bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage lande ich irgendwie immer bei meiner persönlichen Vorstellung von „Ken“ und „Barbie“. Ich sehe einen Fitness-Studio-Tattoo-Typen und ein leicht überkandidelt aufgetakeltes Mädel mit Chihuahua in der Handtasche an seiner Seite, die sich streiten, ob die Wimpern für das eigene Auto besser in Pink oder in Neongrün wirken. Wie war das nochmal mit den Holzkugeln? Früher war nicht alles schlecht, oder?




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Infos zum Titelbild des Beitrags in diesem Auto-Blog:
Wimpern am Auto – die neue Mode 2017

Gesehen in Hamburg