Motorsport

Großer Preis von Deutschland nicht in Hockenheim oder am Nürburgring?

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Ich verfolge seit gut 40 Jahren das Geschehen der Formel 1. Seitdem fand der Grand Prix von Deutschland stets in Hockenheim oder am Nürburgring statt. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur deutete F1-Geschäftsführer Chase Carey an, dass das auch an anderen Orten möglich sei. Doch wie realistisch ist das eigentlich? Wo könnte die Formel 1 in Deutschland sonst noch fahren?

Auf den ersten Blick ist diese Frage ganz einfach zu beantworten. Kurzfristig können nur Hockenheim und der Nürburgring den Großen Preis von Deutschland der Formel 1 austragen. Beide Strecken sind im Moment die einzigen deutschen Rennstrecken, die die FIA als sogenannte GRADE 1 Rennstrecke führt. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich ein Lizenzierungsverfahren der FIA, die die Eignung der Strecke beurteilt.

Was die FIA im Rahmen der Lizenzierung genau beurteilt, ist nicht öffentlich. Sicher ist, dass technische Kriterien (Streckenlänge, Streckenbreite und Anzahl der Boxen) eine Rolle spielen. Ebenso wie Infrastruktur (Rennleitung, Medical- beziehungsweise Presse-Center) und die Sicherheit für Streckenposten, Medien und Zuschauer. Eine grobe Beschreibung zur Streckenabnahme gibt es beim DMSB.

Zudem können die Strecken bei der FIA offenbar bestehende „Schwächen“ irgendwie ausgleichen. So erklärte die FIA einst, dass die Mindestlänge einer Formel-1-Strecke bei 3,5 Kilometern liege. Eine Vorgabe, die in den Straßen von Monaco nicht umsetzbar ist. Trotzdem ist die Rennstrecke im Fürstentum eine GRADE 1 Rennstrecke. Wo ein Wille ist, da ist die notwendige Lizenzierung immer möglich.

Warum denkt Liberty Media über Alternativen nach?

Liberty Media hat kürzlich die kommerzielle Rechte an der Formel 1 übernommen. In der Ära von Bernie Ecclestone finanzierten TV- und Antrittsgelder die Königsklasse des Motorsports. In den Augen von Bernie Ecclestone, dessen Verdienste um die Formel 1 unbestritten sind, war die Sache einfach. Verloren eine TV-Anstalt oder ein Veranstalter Ihr Geld, dann hatten sie sich nicht genug anstrengt.

Ist der Norisring der richtige Ort für den Großen Preis von Deutschland?

Die neuen Eigner haben verstanden, dass auch die Performance der Formel 1 eine Rolle beim Zuschauerzuspruch und damit der Refinanzierung spielt. Viel hängt natürlich vom Wettbewerb auf der Strecke ab. Gut möglich, dass sich die Verantwortlichen bei Liberty Media die letzten Rennen in Deutschland angesehen haben, mit der Aktion auf der Strecke nicht zufrieden waren und hoffen, dass das an einem andern Ort – ggf. sogar einem Stadtkurs – besser wird. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) deutete F1-Geschäftsführer Chase Carey an, dass es dabei jedoch zu einer Überraschung kommen könne.

Liberty Media spreche, so Carey im Interview, nicht nur mit den zwei Rennstrecken, wo in der Vergangenheit der Große Preis von Deutschland stattfand. Carey betont, dass sich die Amerikaner auch nach anderen Optionen umsehen. Denn die dauerhafte Rückkehr nach Deutschland ist für Liberty Media wichtig. Statt neue Märkte wie Indien oder Südkorea zu entwickeln, setzt Liberty Media stärker als Ecclestone auf die etablierten Märkte. Also auf die Länder, wo Motorsport eine feste Tradition hat. Denn dort ist es in der Regel einfacher, die Fans an die Strecke zu holen.

Wie stehen die Chancen für einen Außenseiter?

Neben den bestehenden Rennstrecken ist grundsätzlich natürlich auch ein Straßenrennen möglich. Doch angesichts der politischen Lage ist das wohl nur eine theoretische Option. Kaum denkbar, dass Liberty Media eine neue Rennstrecke aus dem Hut zaubert. Niemand realisiert in diesem Land in Hamburg (von der Reeperbahn zum Hafen), Dortmund (Westfalenpark oder auf Phoenix) oder München (Olympiapark) eine neue Rennstrecke.

Unsere Hunde pennen zur Not auch in der Sprecherkabine von Oschersleben

Das Gleiche gilt auch für die Wiederbelebung einer ehemaligen Rennstrecke. Eilenriede? Wegbergring? Ausgeschlossen! Auch der trostlose Alemannenring in Singen oder die glorreiche Berliner AVUS werden keine Auferstehung feiern. Genauso übrigens wie die ehemaligen Flugplatzkurse in Diepholz, Erding, Mainz-Finthen, Siegen oder Wunstorf. Das Thema Wiederbelebung können wir genauso wie einen neuen Kurs in diesem Land wohl ausschließen.

Die FIA führt die Berliner Strecke, auf der die Formel e fährt, als Strecke dritter Ordnung. Mit einer Länge von 1,926 Kilometern ist dieser Kurs weit davon weg, Formel-1-tauglich zu sein. Das gilt auch für die nationalen Strecken wie den Race Park Meppen, Heidbergring in Geesthacht, dem Bilster Berg oder im Driving Center Groß Dölln. Ihnen allen fehlt es, genauso wie den Teststrecken der Industrie, meist an der notwendigen Infrastruktur.

Denkbar wäre die Formel 1 allenfalls noch am Bilster Berg. Doch dort haben die Betreiber bisher immer erklärt, an Zuschauerveranstaltungen kein Interesse zu haben. Damit bleiben als Ersatz für Hockenheim oder den Nürburgring nur Rennstrecken, die bereits als GRADE 2 Strecke auf der Liste der FIA stehen. Das sind im Moment der Lausitzring, der Norisring, Oschersleben und der Sachsenring.

Oschersleben, Sachsenring, Norisring und Lausitzring?

Die Dreifach-Links in Oschersleben wäre mit den aktuellen Rennwagen der Königsklasse sicher spektakulär. Doch die Strecke liegt weitab vom Schuss. Ich habe im vergangenen Jahr in der Börde die Cup- und Tourenwagen Trophy als Streckenmoderator begleitet. Für den Weg von der A2 bis zur Strecke habe ich ohne Stau gut eine ¾ Stunde benötigt. Nicht auszumalen, wie hier der Verkehr aussieht, wenn 80.000 Zuschauer zur Strecke wollen.

2015 war ich auch auf dem Sachsenring unterwegs.

Zudem ist die Hotelkapazität vor Ort bescheiden. Das erinnert irgendwie alles an Magny-Cours in Frankreich. Oschersleben ist nicht geeignet, um den Großen Preis von Deutschland durchzuführen. Das gilt wohl auch für den Sachsenring. Natürlich wissen die Amerikaner, dass der Motorrad Grand Prix am Sachsenring hervorragend funktioniert. Großveranstaltungen sind dort grundsätzlich möglich.

Die hügelige Strecke würde wohl ebenfalls für spektakuläre Bilder sorgen. Aber am Sachsenring sind nur wenige Großveranstaltungen pro Jahr möglich. Zudem schafft es dort auch die DTM schon seit Jahren nicht, eine werbefreie Rennstrecke anzumieten. Alles zusammen macht auch den Sachsenring im Kampf um den Großen Preis von Deutschland wohl eher zu einem Außenseiter.

Etwas besser, aber auch nicht groß, sind meiner Meinung nach die Chancen auf ein Rennen auf dem Norisring. Sicher, ein Stadtrennen hätte zweifelsfrei Charme. Aber die Strecke in Nürnberg ist mit 2,3 Kilometern ziemlich kurz. Trotzdem fuhren hier bis 1987 auch die Gruppe C Prototypen. Doch die Amerikaner von Liberty Media setzen stark auf die Show. Die wäre am Norisring sicher gut, denn die moderne Formel 1 würde in Nürnberg sicher viel Überholaction bieten.

Das gilt übrigens auch dann, wenn die Verantwortlichen zur Variante von 1952 mit einem zusätzlichen Schlenker über die Hans-Kalb-Strasse zurückkehren. Doch das Umfeld der Strecke ist problematisch. Der Zustand der Tribünen aus der Nazizeit schlecht. Das macht auch den Norisring wohl nur zu einem Außenseiter bei der Suche nach einem möglichen Austragungsort für den Großen Preis von Deutschland.

Bleibt eigentlich nur der Lausitzring!

Der 4,534 Kilometer lange Lausitzring bietet Platz für bis zu 120.000 Zuschauer. Die meisten davon können das gesamte Areal überblicken. Dazu liegt die Strecke praktisch direkt an der Autobahn A13, die die Strecke mit Berlin verbindet. Alles zusammen macht den Lausitzring zur einzigen echten Alternative zu Hockenheim oder dem Nürburgring. Keine andere Strecke hat sonst noch eine echte Chance auf die Ausrichtung des Großen Preis von Deutschland.

Aber vielleicht ist auch Liberty Media am Ende gar nicht so anders als Bernie Ecclestone. Denn der Brite nutzte in der Vergangenheit immer wieder Interviews, um Geschäftspartner unter Druck zu setzen. Gut möglich, dass auch die Suche nach Alternativen dazu dient, die Gesprächspartner in Hockenheim und in der Eifel unter Druck zu setzen.

Zusammengefasst:

  • Der Bau einer neuen Strecke, egal ob temporär oder permanent, ist in Deutschland so gut wie ausgeschlossen.
  • Die Wiederbelebung einer alten Strecke ist in Deutschland ebenfalls unwahrscheinlich.
  • Oschersleben und Sachsenring haben nur Außenseiterchancen.
  • Reizvoll wäre der Norisring. An der Noris wären viele Überholvorgänge garantiert. Das sorgt automatisch für den Show-Charakter, den sich Liberty Media wünscht. Trotzdem macht der Zustand des Streckeumfelds den Norisring allenfalls zu einem Außenseiter.
  • Der einzige Kandidat, der Hockenheim oder die Eifel verdrängen kann, ist der Lausitzring. Die Nähe zu Berlin, die gute Verkehrsanbindung und die großen Tribünen machen die Strecke in meinen Augen zum Favoriten.

Doch grau ist alle Theorie! Wie findet Ihr eigentlich die Gedanken von Liberty Media? Wo sollte Eurer Meinung nach die Formel 1 in Deutschland fahren?

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Infos zum Titelbild des Beitrags in diesem Auto-Blog:
Rennen ... Kämpfen ... Siegen!

Im Moment dominiert am Nürburgring der Kampf
 

4 Kommentare

  1. LSR und die F1? Ich glaube nicht dran, aber träumen kann man ja weiter :-)

  2. Der Lausitzring wäre wirklich die einzige Alternative. Für den Norisring könnte ich mir gut ein zweites Formel E Rennen in DE vorstellen.

  3. Norisring wäre schon ziemlich geil! Ich fand dort die Rennen mit den Gruppe 5 (Porsche, Lancia – Hans Hayer!!!!) und den Porsche 956 immer extrem spektakulär. Das ist die beste Veranstaltung die in Deutschland denkbar ist. Das wäre definitiv ganz, ganz großes Kino!!! Egal wie kaputt das Umfeld ist und wer das gebaut hat!

  4. Pingback: Dekra kauft den Lausitzring! » Auto-Natives

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