Motorsport

Monisha Kaltenborn ist bei Sauber gescheitert

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Bianca Garloff nennt in einem autobild-Artikel die ehemalige Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn ein Aushängeschild. Das provoziert meinen Widerspruch.

Leider fehlt mir zurzeit Zeit für dieses Blog. Doch die Nachricht, dass Monisha Kaltenborn nicht mehr für Sauber tätig ist, reißt mich aus meiner Blog-Lethargie. Zusammen mit Team-Gründer Peter Sauber sorgte die Juristin nach dem Rückzug von BMW für einen Neustart des Sauber-Teams. Das sicherte rund 300 Arbeitsplätze und hielt das sympathische Team aus dem Berner Oberland in der Königsklasse des Motorsports.

Klar, das ist ein Verdienst, der bleibt. Doch danach fällt die Bilanz nicht mehr so gut aus. Im Frühjahr 2012 wurde Kaltenborn Gesellschafterin des Teams. Ein halbes Jahr später übernahm die Österreicherin den Posten des Teamchefs. Schon ein Jahr später war erstmals von Zahlungsschwierigkeiten des Teams zu lesen. Im Sommer 2013 war dann plötzlich von Zwangsvollstreckungen gegen das Team die Rede. Das ist sogar in der Formel 1 ungewöhnlich. Denn normalerweise haben die Teams im Winter Probleme mit der Zahlungsmoral.

Mit Monisha Kaltenborn kamen die Paydriver (zurück)

2014 verschärfte sich die Situation weiter. Kaltenborn suchte Hilfe bei russischen Sponsoren. Doch die Krise in der Ukraine ließ diesen Traum platzen. Kaltenborn begann, statt auf Talente lieber auf Paydriver im Cockpit zu setzen. Das gab es bei Sauber vorher nur in der Zeit von Petro Diniz. Anfang 2015 führte die Fahrerwahl zu der bizarren Situation, dass Frau Kaltenborn vier einsatzbereite Fahrer unter Vertrag hatte. Dazu gab es einen Vertrag mit dem im Oktober 2014 in Japan schwer verunglückten Jules Bianchi.

Im Cockpit saßen schließlich Marcus Ericsson und Felipe Nasr. Guido Van der Garde und Adrian Sutil, die ebenfalls Fahrerverträge mit Sauber hatten, fuhren nicht. Van der Garde bemühte im Kampf um sein Cockpit die Justiz, bekam Recht und erstritt eine Abfindung in Höhe von 15 Millionen Euro. Das Team, das ursprünglich auf 13 Millionen Euro von den Sponsoren des Niederländers baute, zahlte. Da half es auch nicht, dass die Teamchefin anschließend betonte, ihr Handeln in der Cockpit-Affäre war für das Überleben des Teams unvermeidlich.

Seriöses wirtschaften geht anders!

Diese Verteidigung ist genauso unprofessionell wie peinlich. Wer mit dem Wasser am Hals so unseriös wirtschaftet, der muss sich nicht wundern, wenn die Partner einen auch in besseren Zeiten meiden. Natürlich ist die Formel 1 ist traditionell ein Ort von Schlitzohren und Zockern. Der langjährige Leitwolf Bernie Ecclestone kommt als ehemaliger Gebrauchtwagenhändler aus einer Branche, deren Leumund noch schlechter als der von Juristen ist. Trotzdem sind sich im Motorsport alle einig, Bernie Ecclestone war verläßlich. Monisha Kaltenborn kann das nicht von sich behaupten.

Die Fahreraffäre sorgte für einen gewaltigen Imageschaden, der in der Szene lange nachhallte. Verstärkt dadurch, dass das Team zusammen mit den finanziellen Problemen auch sportlich an Boden verlor. Sicher, das Eine bedingt das Andere im Haifischbecken Formel 1, aber als Entschuldigung taugt das trotzdem nicht. 2013, im ersten Jahr mit Kaltenborn an der Spitze, langte es noch zu Platz sieben in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Wahrscheinlich lebte Sauber da von der Substanz. Es folgten die Plätze zehn, acht und zehn. Die Zeiten, wo das Team zur Spitze des Mittelfelds gehörte, sind vorbei.

Heute ist Sauber ein Hinterbänkler!

Früher fuhr Sauber in Regionen, wo heute Force India oder Williams unterwegs sind. Beim Verweis auf Williams führen Kritiker gerne an, dass bei Williams mit Lance Stroll inzwischen der lukrativste Paydriver aller Zeiten im Cockpit sitzt. Das stimmt, trotzdem gibt es Unterschiede, denn Stroll ist aktueller Formel-3-Europameister. In der Vita der meisten Piloten, die in der jüngeren Vergangenheit bei Sauber am Lenkrad drehten, fehlt ein Erfolg dieser Klasse. Doch noch wichtiger ist, Williams verlor mit dem Deal nicht seine Unabhängigkeit.

Das ist bei Sauber anders, denn vor gut einem Jahr übernahmen die Sponsoren von Marcus Ericsson das gesamte Team. Auch Kaltenborn reichte ihre Anteile an die Investmentgesellschaft Longbow Finance weiter. Die Juristin blieb als angestellte Geschäftsführerin an Bord. Selbstverständlich ist das nach dem Kauf eines Unternehmens nicht, wie wir aktuell bei Opel erleben. Opel-Chef Neumann, der den kriselnden Autobauer in ein – zumindest etwas – ruhigeres Fahrwasser führte, räumte im Zuge der Übernahme seinen Posten. Offiziell tat Neumann das freiwillig. Trotzdem sickerte durch, dass die neuen Herren von Peugeot das mit einer geschickten PR-Strategie begleitete Wirken von Neumann nicht in allen Punkten überzeugte.

Auch Sauber ist ein Wirtschaftsunternehmen

Da ist es selbstverständlich, wenn die neuen Inhaber regelmäßig das Unternehmen und die Leistung der Führungskräfte bewerten. Natürlich wissen wir nicht, welche Ziele die Investoren haben. Trotzdem ist klar, wer als Erfolg wertet, dass das Team noch dabei ist, kann mit der Arbeit der Teamchefin Kaltenborn zufrieden sein. Doch wer mehr Anspruch hat, der sieht eine negative Bilanz. Denn sowohl finanziell (= Verlust der Firma) als auch sportlich (= Abwärtstrend) gibt es einen deutlichen Abwärtstrend. Trotzdem durfte die Österreicherin das Team über den Winter und in die neue Saison führen.

Der Neustart war nicht erfolgreich. Denn trotz der Chance eines neuen Regelwerks liegt das Team aktuell auf Platz neun. Mit Glück, denn ohne den Dilettantismus von Honda wäre McLaren wohl vor den Schweizern. Auffällig ist, dass Sauber in diesem Jahr bisher mit einem fast werbefreien Auto antritt. Statt für einen Hauptsponsor wirbt das Team für das eigene Jubiläum in der Formel 1. Werbefreie Autos sind in der Königsklasse des Motorsports traditionell immer das deutlichste denkbare Zeichen für die Krise eines Teams. Formel-1-Freunde kennen Autos ohne Sponsor vom Niedergang zahlreicher anderer Traditionsteams wie Brabham, Ligier oder Tyrell. Erst gehen die Sponsoren, dann die Teams.

Chefs zeigen beim unfreiwilligen Abschied ihr wahres Gesicht!

Ich kann deshalb gut verstehen, dass die neuen Inhaber die Reißleine ziehen. Zumal Monisha Kaltenborn auch bei ihrem Abschied unglücklich agiert. Pascal Wehrlein informierte die Teamchefin telefonisch über ihren Abschied, Marcus Ericsson war ihr diesen Anruf nicht wert. Das sagt mir viel über die Verhältnisse bei Sauber. Denn ich habe in meinem Berufsleben Chefs scheitern sehen. Meine Erfahrung ist, dass sich gerade in der Stunde des ungeplanten Abschieds das wahre Potenzial einer Führungskraft zeigt.

Grob gesagt, gibt es zwei Typen. Die Guten versuchen, selbst nach ihrem persönlichen Scheitern noch das Unternehmen zu einen. Die Schlechten scharren, wie ich es vor vielen Jahren bei einem Telefonhersteller erlebte, selbst beim Abschied nur ihre „Jünger“ um sich. Insofern zeigt mir gerade der Abschied, warum Monisha Kaltenborn als Teamchefin bei Sauber kein Aushängeschild war.



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Infos zum Titelbild des Beitrags in diesem Auto-Blog:
Marcus Ericsson im Sauber C36

Foto: Artes Max (CC2.0)
 

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