Liebe Deutsche Bahn,

ich habe Dir mal wieder eine Chance gegeben. Es war endgültig die Letzte. Du siehst mich im Fernverkehr nicht wieder. Das war es mit uns. In Zukunft fliege ich wieder. Ihr könnt es einfach nicht. Euer Service ist unterirdisch. Das Reisen bietet nicht den versprochenen und bezahlten Komfort.

Ich musste heute von Dortmund nach Hamburg. Einen direkten Flug gibt es nicht. Und der Umweg über Düsseldorf ist nicht sinnvoll. Das macht den IC – zumindest theoretisch – zu einer guten Alternativ. Denn laut Fahrplan ist der nur gut drei Stunden zwischen den beiden Hansestädten unterwegs. Normalerweise, denn heute habt Ihr das mal wieder nicht geschafft. Wobei das gar nicht Euer größtes Problem war. Am Ende bin ich sogar froh, überhaupt in Hamburg angekommen zu sein.

Es ist voll im IC2226
Es ist voll im IC2226

Doch der Reihe nach!

In Dortmund startete mein Zug pünktlich. Das klang nach einem guten Start. Doch leider fehlten die Wagen der ersten Klasse. Pech für mich, denn damit fehlte mein reservierter Sitzplatz. Und ich wusste, dass ich die Zeit im Zug nicht arbeiten kann. Deshalb hatte ich eigentlich die 1. Klasse gebucht. Ich weiß nicht, wie ihr bei der Bahn das wirklich mit dem Arbeiten haltet. Aber ich war enttäuscht, nicht die gebuchten Leistungen zu bekommen.

Doch ich bin Optimist und dachte mir, irgendwo werde ich schon einen Platz finden. Tatsächlich fand ich einen Platz im Gang vor dem Bistro. Zählt auch irgendwie zur 1. Klasse. Und dafür habe ich schließlich bezahlt. In der 1. Klasse steht sich einfach schöner. Ihr merkt, ich versuche die Sache mit Humor zu nehmen. In der untergehenden Sowjetunion bin ich schon mit weniger Komfort gereist. Heute konnte ich mich immerhin auf dem Koffer eines freundlichen Mitreisenden abstützen.

In Münster endete die Reise vorerst!

Ich hatte mich mit meinem Platz arrangiert. Ein älterer Herr fing unter meine Achselhöhle Turnübungen an. Ich stand und unterhielt das Publikum dazu mit ein paar Witzen. Bis eine freundliche Stimme unsere spontane Performance unterbrach. Sie erklärte, dass der Zug erst weiterreisen werde, wenn alle, die keinen Sitzplatz haben, aussteigen.

Dabei drang übrigens kein Wort des Bedauerns an mein Ohr vor. Stattdessen betonte der Sprecher mehrfach, dass die Zwangsgemeinschaft der Reisenden heute nur in einem „Ersatz-Intercity“ unterwegs sei. Klang irgendwie wie, seinen Sie froh, dass wir sie mitgenommen haben. Auf Verständnis stieß die Stimme aus dem Off damit nicht. Denn natürlich gab es jede Menge Menschen, die den Befehl verweigerten.

Und ich fragte mich langsam, was stimmt bei Euch, liebe Deutsche Bahn, eigentlich nicht? Offenbar so Einiges! Ich will für einen Moment mal glauben, dass die Teilräumung des Zugs tatsächlich notwendig war. Dann hatte der Mann am Mikro durchaus eine heikle Aufgabe. Vielleicht hätte er es mal freundlich probieren sollen. Stattdessen klang seine Ansage wie ein Appell auf dem Kasernenhof.

Drill wie beim Komiss statt Service!

Darauf reagiere ich seit 1988 nicht mehr. Doch um Ärger zu vermeiden, sicherte ich mir einen der Stehtische Eures Bistros. Kaufte mir sogar, um den Platzanspruch dort mit Verzehr zu unterlegen, eine Flasche Cola. Noch ein Fehler übrigens, denn eigentlich hättet Ihr Euch bei mir für die Unannehmlichkeit entschuldigen sollen. Doch das gibt es bei Euch wohl nicht.

Von meinem Platz konnte ich verfolgen, wie im Nachbarabteil die Situation eskalierte. Lauthals echauffierte sich ein Mitreisender, dass er keinesfalls aussteigen werde. Den Befehlen – auch hier ging das Personal ungeschickt vor – verweigerte sich der Herr standhaft. Der Mann blieb im Gang stehen und pöbelte. Andere waren nicht so standfest. Sie habt Ihr in die Knie gezwungen. Denn langsam leerten sich die Gänge. Die Leute ergaben sich offensichtlich ihrem Schicksal.

Es hätte so einfach sein können. Ich bin überzeugt, mit etwas Serviceverständnis hättet Ihr das Problem lösen können. Ein mobiler Getränkeservice für die Aussteigenden, um diese für ihre Mühe zu entschädigen, hätte bestimmt schon viel bewirkt. Echte Infos zu alternativen Reisemöglichkeiten hätte vielleicht auch geholfen. Doch mein Fazit ist, bei der Deutschen Bahn heißt es stattdessen nur im Kasernenton: Nehmen Sie den Zug in 45 Minuten!

Damit fühlten sich die Kunden alleingelassen. Die handelnden Personen im IC2226 ließen jedes Fingerspitzengefühl vermissen. Gut war, wie sich die Schicksalsgemeinschaft im Bistro solidarisierte. Plötzlich saßen Drei, wo eigentlich nur Platz für Zwei ist. Frei nach dem Motto, wer einen Sitzplatz hat, der muss nicht aussteigen. Anders der lautstarke Herr vom Gang. Der verlies nach einer guten halben Stunde in Begleitung der Polizei den Zug.

Faustschlag Bahnapp
Faustschlag Bahnapp

Endlich ging es weiter!

Kurz darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Offensichtlich war der Zug reisefähig und nicht mehr zu voll. Doch das änderte sich schnell. Schon in Osnabrück waren alles wieder wie vorher.

Zum Glück verzichtete die IC-Besatzung bei den folgenden Stopps auf eine erneute Räumung des Zugs. Vielleicht waren die Verantwortlichen noch zu sehr von ihrer Macht berauscht. Oder die Polizei in Bremen und Hamburg-Harburg hatte einfach Besseres zu tun.

Doch Ihr könnt das noch besser. Denn auf dem weiteren Weg prüfte ich in der Euer Bahnapp, wieviel Verspätung inzwischen aufgelaufen war. Das hätte ich nicht tun sollen. Jetzt wurde es unverschämt. Denn in der Bahnapo stand zu „meinem“ Zug Folgendes:

… Außergewöhnlich hohes Reisendenaufkommen, eine Mitfahrt kann nicht garantiert werden …

Diese Aussagen unterstreichen Eurer Serviceverständnis. Denn Schuld sind für Euch bei der Deutschen Bahn offensichtlich immer die Anderen. Sollen die Reisenden doch anders reisen, dann sind Eure Züge auch nicht so voll. Deshalb werde ich Euch in Zukunft nicht mehr in die Verlegenheit bringen. Wenn es eine Alternative gibt, dann nehme ich wieder den Flieger oder das Auto. Aber sicher nicht die Deutsche Bahn.

Viele Grüße,
Euer Tom

Erlebt am 1. September 2017 im IC 2226

 

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