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24-Stunden von Spa – Alles Gold, was glänzt auf der Langstrecke? Worte am Sonntag, Wochenrückblick #30-2014

Wochenrückblick Rückspiegel

24-Stunden-Rennen begeistern weltweit die Fans. Ob in Daytona, Le Mans, am Nürburgring oder in Spa, die Fans des Langstreckensports erleben glorreiche Tage. Bei den GT-Fahrzeugen sorgt die GT3-Klasse, die am Ring und in den Ardennen zum Einsatz kommt, eine große Typenvielfalt und volle Starterfelder. Das gefällt den Fans. Sie strömen in Scharen an die Strecken. Oder sie verfolgen die Rennen am Fernseher oder über Live-Streams im Internet.

Alles gut? Nein!

Bei den 24-Stunden von Spa sorgten an diesem Wochenende fünf Unfälle für vier Saftey-Car-Phasen und eine Unterbrechung mit der roten Flagge. Das Rennen war noch keine zwei Stunden alt, da hatten Vyacheslav Maleev, Tim Mullen und Karim Ojjeh ihre Fahrzeuge nachhaltig verschrottet. Während der Russe und der Saudi ihren Wracks unverletzt entsteigen konnten, war der Zustand von Tim Mullen zunächst unklar. Inzwischen ist klar, dass der Brite das Krankenhaus nach einem kurzen Check verlassen konnte.

Besonders der Unfall von Vyacheslav Maleev verdeutlicht alle Probleme der Szene. Wer in Spa wie Maleev in der Eau Rouge innen über die Randsteine fährt, muss sich nicht wundern, die Kontrolle zu verlieren. Der ausgehebelte Ferrari 458 machte seinen Piloten zum Passagier. Wohlgemerkt, der 52-Jährige war zu diesem Zeitpunkt alleine auf der Strecke unterwegs. Der Russe wurde nicht von einem Kontrahenten abgedrängt oder irritiert.

Wäre es bei diesem Unfall geblieben, hätte ich gesagt, Herrenfahrer und ihre Unfälle sind seit Beginn Teil des Langstreckensports. Doch die Häufung der Unfälle macht nachdenklich. Denn kaum hatten die Streckenposten nach dem Unfall von Karim Ojjeh die Strecke freigeräumt, kam es erneut zum Crash. Unmittelbar nach dem Neustart kam es – wieder in der Eau Rouge – zu einem Unfall, der gleich vier Autos aus dem Rennen riss.

Auch hier saßen mit Andrew Howard, Alex Demirdjian, Andrew Danyliw und Tim Müller eher „Spätberufene“ am Steuer. Offensichtlich hatte keiner der vier Piloten genügend Erfahrung, um bei einem Neustart eines 24-Stunden-Rennens kühlen Kopf zu bewahren. Knapp 21 Stunden vor dem Ende des Rennens waren damit sieben Autos durch Unfälle eleminiert.

Doch damit nicht genug!

Kurz nach 21 Uhr kollidierten im Streckenabschnitt Stavelot zwei Ferrari. Auch die bei diesem Unfall beteiligten Piloten verdienen das Prädikat „Herrenfahrer“. Über Vadim Kogay sagen böse Zungen, dass der schwerreiche Russe nicht am Start war, wenn er nicht mindestens einmal für gelbe Flaggen verantwortlich war. Gestern traf Kogay auf der Strecke auf den Briten Marcus Mahy.

Was genau passiert ist, ist unklar. Fakt ist, dass der Brite nach dem Unfall, wie der Veranstalter es ausdrückte, „stabilisiert“ werden musste. Anschließend flog ein Rettungshubschrauber den Briten ins Krankenhaus nach Lüttich. Inzwischen gibt es zum Glück die Nachricht, dass Marcus Mahy aus dem künstlichen Koma erwacht und ansprechbar sei.

So darf es nicht weitergehen!

Keiner der Unfälle passierte im Vorderfeld. Mit Ausnahme des Unfalls von Tim Mullen waren ausschließlich lupenreine Amateure an den Unfällen beteiligt. Nur mit Zufall ist das nicht zu erklären. Offensichtlich liegt die Latte bei den GT3-Fahrzeugen auf einem Niveau, das einige der Teilnehmer deutlich überfordert. Trotzdem sitzen auch sie in schnellen Fahrzeugen. Geld ersetzt das fehlende Talent.

Die Entwicklung ist nicht verwunderlich. Schließlich haben die Werke die GT3-Klasse für sich entdeckt. Bei allen beteiligten Herstellern gibt es Teams mit Werksunterstützung. Neben der technischen und finanziellen Unterstützung stellen die Werke Fahrer. Das macht – Balance of Performance hin oder her – das Tempo auf der Strecke schneller. Gleichzeitig füllen die Amateure weiter die Felder auf. Meine Erfahrung sagt mir, dass sich da ein gefährlicher Sprengstoff zusammenbraut.


Wochenrückblick RückspiegelInfos zum Titelbild:
Unser Wochenrückblick „Worte am Sonntag“ nimmt die zurückliegende Woche in den Rückspiegel.
Unser Wochenrückblick „Worte am Sonntag“ nimmt die zurückliegende Woche in den Rückspiegel.
 

9 Kommentare

  1. Wenn die Werke Leute wie diesen Fallschirmspringer auf der Nordschleife ins Auto setzten vermitteln doch gerade die Werke das Bild, dass die Rennen so einfach wie einer Kindergeburtstag sind. Wundere mich, dass Du diesen Aspekt nicht aufführst!

  2. Das muss man dann schon etwas differenzierter sehen. Auch wenn da einige „Gentleman Driver“ unterwegs, haben die nicht zwingend wenig Erfahrung.

    – Vyacheslav Maleev: Fährt seit 2010, die letzten drei Jahren ausschließlich GT3. Darunter die FIA GT und in diesem Jahr die GT Open, wo er zweimal gewonnen hat.

    – Karim Ojjeh: Fährt seit 2004. Hat 2011 in Le Mans die LMP2 Klasse gewonnen. Ist eher ein Semi-Profi, denn ein Amateur.

    – Tim Mullen: Profi, fährt seit den 90ern, war vor ein paar Jahren Meister der britischen GT.
    – Andrew Howard: Gewann die britische GT3 Meisterschaft 2013

    Alex Demirdjian, Andrew Danyliw und Tim Müller haben tatsächlich wenig Erfahrung, waren aber auch etwas hilflos bei dem Unfall in Eau Rouge, weil es keine gelbe Flaggen gab und man einfach nichts sieht, wenn man den Berg hochfährt. Bei Unfall zuvor hätte es fast Alex Buncombe im GT-R erwischt, der ja nun nicht im Verdacht steht, ein Anfänger zu sein.

    Was Kagey und Mahy angeht. Da man nicht weiß, wie der Unfall passiert ist, kann man nur spekulieren. Kagey ist zwar schon negativ aufgefallen, aber der F458 von Mahy hatte ein paar Runden zuvor eine gebrochene Hinterachsaufhängung rechts, die man repariert hatte.

    Grundsätzlich: Die GT3 haben in den letzten Jahren massiv zulegt. Sieht man allein an den schnellsten Runden in der VLN. Vor ein paar Jahren war man bei 8:20min, jetzt bei 8:00min. Da muss man sich tatsächlich mal überlegen, in welche Richtung das gehen soll. Nicht nur wegen der Amateure.

    Amateure gehören zum Rennsport dazu, die Diskussion hat man im übrigen auch jedes Jahr in Le Mans. Man kann sich überlegen, ob man die Lizenzanforderungen an die GT3 Piloten erhöht. Dafür wäre die BES eigentlich auch die richtige Serie.

    Was Baumgartner angeht: Der hatte ein halbjähriges, sehr intensives Fahrertraining von Audi. Er hat den Wagen auf der Strecke gehalten und war so langsam dann auch nicht. Ich hätte mir aber auch gewünscht, dass man Baumgartner mehr Zeit gegeben hätte, eine halbe VLN Saison 2013 in einem SP3-T, dann GT3.

    • Ich schrieb bewusst von „Spätberufenen“ und nahm Tim Mullen ausdrücklich aus. Das dürfte bei allen anderen Verunfallten passen. Andrew Howard stieg 2001 mit 38 Jahren in die Mini Miglia ein. Die Siege in der britischen GT3-Meisterschaft würde ich angesichts der von ihm bewegten Fahrzeuge nicht überbewerten. Karim Ojjeh war bei seinem Debüt in der Formel Palmer auch schon weit über 30. Vyacheslav Maleev ist 52 und fährt die fünfte Saison im Wettbewerb, passt also auch.

      Die aktuelle Performance der Fahrzeuge in der Blancpain Endurance Series sollte den Veranstalter SRO über die Lizenzanforderungen nachdenken lassen. Oder in der ProAm-Kategorie die Fahrzeuge einbremsen. Dann kommt keiner von den „Spätberufenen“ in die Situation, sein Auto auf Platz fünf übernehmen zu müssen. Ansonsten ist zu hoffen, dass Stéphane Ratel seine geplante GLP für Supersportwagen ins Programm nimmt. Vielleicht fahren dann ein paar der offensichtlich Überforderten besser da.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel, der deutlich macht an welchem Punkt wir mittlerweile angelangt sind.
    Erfahrung kann man nicht kaufen, egal wie millionen-schwer man ist!
    Das die Werke mit dem Einsatz werbewirksamer „Promi-Fahrer“ diesen Trend auch noch unterstützen ist höchst bedenklich.
    Ich halte es für notwendig, dass dem ein Riegel vorgeschoben w, welcher meiner Meinung nach nur darin bestehen kann – ähnlich wie beim Erwerb einer Motorsport-Lizenz – eine Mindestanzahl an Teilnahmen, Kilometern oder Ergebnissen zu fordern.
    Aber leider liegt es wahrscheinlich auch hier an einem korrupten System in dem Geld und Macht mehr zählt als der Motorsport selbst…traurig….einfach nur traurig sowas..

  4. Manuel Cobic

    Don Dahlmann, ich gehe völligst mit Dir d’accord, man sollte die Thematik immer aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten…wenn ihr Euch alle so gut im Motorsport auskennt wisst Ihr sicherlich auch, dass der GT3 Sport ursprünglich als reiner Kundensport gedacht war. Erst mit dem Wegfall der GT2 wurde die GT3 zur Werksplattform. Ohne die reinen PRO Autos, wäre das Fahrerniveau deutlich ausgeglichener u auch der Druck auf die Amateure niedriger. Da sich auch in Zukunft daran nichts ändern wird, sollten wir alle dieses Ungleichgewicht tolerieren und die Kundensportler nicht verteufeln. Persönlich glaube ich, dass es sehr viel Übung u Erfahrung braucht, um ein GT3 Auto als Gentleman mit nur 5 Zehntel Verlust auf die Profis durch Sektor 1 inkl Eau Rouge zu bewegen. Ohne die reinen PRO Teams wäre den Gents auch die Plattform gegeben, die sie auch verdienen und sicherlich gäbe es dann auch weniger Unfälle…aber ihr würdet wahrscheinlich nicht mehr zuschauen, weil sich ja niemand für die reinen Gents interessiert…somit pushen und unterstützen doch alle Zuschauer diese Thematik…und ihr seid alle mittendrin, haut nur auf die kleinen drauf ohne sich intensiv mit der Thematik auseinander zu setzen…

    • Sorry, niemand haut hier auf die „Kleinen“. Die Häufung der Unfälle – nicht nur in Spa – ist ein klarer Beleg dafür, dass es gerade ein Missverhältnis gibt. Es gibt Piloten, die den aktuellen Fahrzeugen nicht gewachsen sind. Wenn man das jetzt laufen lässt, wird das in einer Katastrophe münden. Zumal alle Hersteller gerade an neuen Fahrzeugen arbeiten, weil zum 1.1.2015 wieder Fahrzeuge zugelassen werden können. „Weiterlaufen lassen“ fällt IMHO als Lösung aus.

      Bleiben zwei Lösungsansätze:

      Entweder schützt man die Fahrzeuge vor den falschen Fahrern. Oder verbannt die richtigen Piloten.

      Ich denke, dass das Erste der richtige Weg ist. Also die Definition von höheren Anforderungen, bevor jemand in den Top-GT3-Serien mit so langen Fahrzeiten antreten darf. Als Alternative bietet sich an, das Spielfeld zu verbreitern. Also die GT4-Idee für den Kundensport zu modernisieren und in der ProAm langsamere Fahrzeuge einzusetzen.

      Das Zweite halte ich für so sinnvoll wie Eurythmie. Es wird, wie Du richtig betonst, auch nicht passieren.

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