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40 Jahre Beständigkeit – Wie der Passat ab 1973 Volkswagen veränderte

Passat Schrägheck (1973)

Bis 1973 war Passat ein – wie Wikipedia es nennt – mäßig starker und sehr beständiger Wind in der Äquatorialregion. Schiffe wurden gern nach diesem Wind benannt. Mit der Umstellung auf Frontmotor-Fahrzeuge und Wasserkühlung legte VW auch das bisher übliche Namenssystem ab. Statt wie zunächst geplant als „Typ 511“ kam die neue Mittelklasse des Hauses daher als „Passat“ auf den Markt. Der Name war offensichtlich richtungsweisend. Denn passend zum Namen rollt der VW Passat seit nun 40 Jahren und sieben Generationen beständig auf unsere Straßen.

Heute ist der Passat insbesondere als Firmenfahrzeug erfolgreich. Vor 40 Jahren fand der Passat auch bei Privatkunden Anklang. Egal wer die Rechung bezahlte, der Passat trug wesentlich zum Aufstieg Volkswagens zu Europas größtem Autobauer bei. Dabei war diese Entwicklung vor 40 Jahren vorhersehbar nicht. Volkswagen hatte Anfang der 1970er-Jahre große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das Unternehmen lebte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom und mit dem Käfer. Alle anderen Produkte waren vom Käfer abgeleitet oder folgten dessen Konzept. VW das stand für einen luftgekühlten Boxermotor im Heck. Alternativen schafften es nicht zur Produktionsreife.

40 Jahre VW Passat

40 Jahre VW Passat – Seit 1973 entstanden sieben Generationen Passat (Foto: Volkswagen)

Rettung kam aus Ingolstadt und Neckarsulm

Mitte der 1960er-Jahre übernahm Volkswagen schrittweise die Auto Union GmbH von Mercedes-Benz. Schon auf Druck der Stuttgarter wurde in Ingolstadt der Umstieg vom Zweitakt- zum Viertakt-Motor und der Namenswechsel von DKW zu Audi eingeleitet. 1969 führte Volkswagen die neue Tochter mit NSU zusammen. Der einst größte Motorradbauer der Welt war zu klein, um als Autobauer dauerhaft selbstständig überleben zu können.

Volkswagen sparte mit diesen Übernahmen Zeit. Zunächst kam der von NSU entwickelte K70 als Volkswagen auf den Markt. Ein Meilenstein, denn der K70 war der erste Volkswagen mit Frontmotor, Frontantrieb und Wasserkühlung. Zudem wurde in Ingolstadt der Audi 80 entwickelt. Der Nachfolger des noch zu Daimler-Zeiten entstandenen Audi F103 war zu seiner Zeit die modernste Konstruktion des Konzerns.

Für den Audi 80 entstand in Bayern auch ein völlig neuer Motor

Audi wollte sich damit vollständig von der Daimler-Vergangenheit lösen. Der im F103 eingesetzte Motor war eine Hinterlassenschaft der ehemaligen Mutter. Das ursprünglich als Vielstoff-Militärmotor geplante seitengesteuerte Aggregat hatte dann doch keine Verwendung als Sternenkrieger gefunden, machte nur einen DKW zum Audi. Die jetzt anstehende Neuentwicklung verfügte über eine von einem Zahnriemen angetriebene obenliegende Nockenwelle sowie Tassenstößel. Als EA827 sollte sich dieser Motor in den kommenden zwanzig Jahren als benzingetriebene Stütze des VW-Konzerns etablieren.

Audi 80 B1 von 1972

Mit dem ersten Audi 80 schuf Audi 1972 nebenbei die Grundlage für den Passat. (Foto: Audi)

Der Audi 80 war von Anfang an ein Erfolg – und die Grundlage für den ersten Passat. Denn den Audi 80 gab es „nur“ als Limousine. Volkswagen war vorbehalten, mit einem Fließheck sowie einem Kombi die etwas progressiveren Kunden zu bedienen. Die Überarbeitung der Karosserie vertraute Volkswagen dem italienischen Designer Giorgio Giugiaro an. Das sorgte für ein relativ eigenständiges Erscheinungsbild.

Zudem modifizierten die Ingenieure in Wolfsburg die Hinterachse. Die von Audi gewählte Torsionskurbelachse ist zwar günstig herzustellen, benötigt aber verhältnismäßig viel Platz. Volkswagen veränderte die Position der Stoßdämpfer, um den Laderaum nicht zu beschränken. Das war insbesondere für das gewünschte Kombimodell notwendig.

Passat verdrängt erst den 411 und dann den Käfer

Ab Mai 1973 lief der VW Passat, übrigens zusammen mit dem Audi 80, im VW-Stammwerk in Wolfsburg vom Band. Die Produktion des zunächst weiter angebotenen 411 zog stattdessen nach Salzgitter um. Das Weiterlaufen des Vorgängers war auch notwendig, weil der Passat-Kombi erst ein gutes Jahr später fertig war. Zu Preisen ab rund 9.000 DM nahmen die Kunden den Passat sofort an. Dazu trug auch die Modellvielfalt bei. Alle Varianten gab es als Zwei- und Viertürer – zunächst mit kleinem Kofferraumdeckel und in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten.

VW Passat Familie

VW Passat Familie (Foto: Volkswagen)

Im Januar 1975 folgte eine große Heckklappe, die auch das Fließheck zum Ladewunder machte. Und fast hätte es sogar einen VW Passat GTI gegeben. Schließlich bot Audi den Audi 80 GTE, der in den USA sogar Audi Fox GTI hieß, erfolgreich an. Volkswagen baute daher im Winter 1976/77 einen Passat GTI als Prototypen. Doch Vorstandschef Toni Schmücker stufte das Projekt als nicht realisierbar ein. Der Prototyp blieb ein Einzelstück, auch wenn es den Motor des GTI anschließend im Passat GLI zu kaufen gab.

Mit seinem beständigen Erfolg wurde der VW Passat schließlich zum „Killer“ des deutschen Käfers. Denn um zusätzliche Fertigungskapazitäten für den Passat nutzen zu können, würde 1978 die Käfer-Produktion von Emden nach Puebla (Mexiko) verlagert.

Nach acht Jahren Bauzeit wurde der Passat der ersten Generation in Deutschland dann selbst von einem Nachfolger gleichen Namens abgelöst. Anders als in Brasilien übrigens, denn dort wurde der Ur-Passat noch bis 1988 weitergebaut. In den acht Jahren, die der erste VW Passat in Deutschland angeboten wurde, hat sich Volkswagen grundlegend erneuert.

Mit Passat und Audi 80 etablierte der Konzern das Baukastenprinzip. Damit bewältigte den Übergang zu modernen Autobauer. 1975, als auch der Golf erfolgreich am Markt etabliert wurde, hob das Unternehmen den zuvor bestehenden Einstellungsstopp auf. Volkswagen war mit dem beständigen Passat-Wind offensichtlich aus der Krise gefahren.

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