Der Berlin-Rom-Wagen ist schwer einzuordnen. Denn Auftraggeber des Sportwagens waren die Arbeitsfront und die Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Also die Institutionen, die bei Porsche zuvor den Volkswagen bestellten. Damit stellt sich die Frage, ist der Berlin-Rom-Wagen ein Porsche oder ein Volkswagen?

Motorsport spielte in der NS-Propaganda eine wichtige Rolle. Nach den Erfolgen von Mercedes-Benz und Auto Union in der Grand-Prix-Europameisterschaft suchten sie eine Bühne für seriennahe Fahrzeuge. Populär war die seit 1931 ausgetragene Fernfahrt Lüttich–Rom–Lüttich. Nach dem Vorbild dieses „Marathon de la route“ schrieben die Machthaber für den September 1939 eine Fernfahrt von Berlin nach Rom aus.

Sportwagen als Werbeträger des Volkswagens

Die Verantwortlichen von Arbeitsfront und KdF beauftragten Ferdinand Porsche, auf der Basis des KdF-Wagens einen Sportwagen für diesen Wettbewerb zu konzipieren. Doch dem von Porsche gebauten Berlin-Rom-Wagen blieb ein Renneinsatz verwehrt. Denn das Deutsche Reich und die Sowjetunion schickten im September 1939 statt Rennwagen nach Rom Truppen nach Warschau.

Berlin-Rom-Wagen 1981 am Nürburgring (Foto: Lothar Spurzem)
Berlin-Rom-Wagen 1981 am Nürburgring (Foto: Lothar Spurzem)

Der von Porsche konstruierte Sportwagen blieb ohne Einsatz. Drei Prototypen waren bis zu diesem Zeitpunkt entstanden. Einer dieser Versuchswagen verunfallte 1939 bei Testfahrten. Das irreparable Wrack schrieb Porsche ab. Die beiden verbleibenden Exemplare nutzte die Familie Porsche in den kommenden Jahren. Einen weiteren Wagen beschädigten amerikanischen Soldaten kurz nach Kriegsende in Österreich.

Auch dieses Fahrzeug gab Porsche nach allen bisher bekannten Quellen auf. Zusammen mit dem erhaltenen Fahrzeug verkaufte Porsche das Wrack an den Österreicher Otto Mathé. Der nutzte Teile des zerstörten Autos beim Bau seines legendären Fetzenfliegers, eines Monoposto auf Porsche-Basis. Daneben sorgte Mathé auch mit dem erhaltenen Prototyp im Motorsport für Aufsehen. Der 1907 im Zillertal geborene Mathé bestritt zunächst Motorradrennen. 1934 stürzte Mathé bei einem Rennen in Graz schwer. Nach dem Unfall war sein rechter Arm gelähmt.

Otto Mathé macht den Berlin-Rom-Wagen zum Motorsportler

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Mathé seine Karriere im Auto fort. Dazu kaufte Mathé 1949 den Berlin-Rom-Wagen von Porsche. 1951 gewann Mathé mit dem Sportwagen die „Internationalen Alpenfahrt“. Ein Jahr später sicherte sich Mathé den Titel des österreichischen Staatsmeisters. Damit hat der Sportwagen eindrucksvoll bewiesen, welches Potenzial in ihm steckt.

Otto Mathé trat mit seinem Berlin-Rom-Wagen bis weit in die 1980er-Jahre regelmäßig bei historischen Motorsportveranstaltungen an. Es gibt Fotos, die den Wagen am Nürburgring, auf dem Salzburgring sowie in Laguna Seca zeigen. Nach dem Tod von Mathé 1995 wird die Geschichte des Fahrzeugs unübersichtlich. Ein KFZ-Betrieb aus Österreich gibt an, dass er den Berlin-Rom-Wagen restauriert habe.

Berlin-Rom-Wagen 2010
Berlin-Rom-Wagen 2010
Berlin-Rom-Wagen 2010
Berlin-Rom-Wagen 2010

Gleichzeitig legen die heutigen Besitzer bei der Ausstellung des Fahrzeugs Wert darauf, dass dieses Fahrzeug unrestauriert sei. Und zumindest, als ich den Sportwagen 2010 im Fahrerlager des AvD Oldtimer Grand Prix in Augenschein nehmen konnte, sah der Wagen eher unrestauriert aus. Denn dort machte der Berlin-Rom-Wagen nicht den besten Eindruck.

Die Aerodynamik war ihrer Zeit weit voraus!

Erwin Komenda kleidete den Berlin-Rom-Wagen ein. Dabei dachte Komenda die von Paul Jaray erforschten Grundlagen von Stromlinien-Fahrzeugen eindrucksvoll weiter. Die aerodynamisch ausgefeilte Karosserie aus Aluminium verdeckt alle vier Räder. An der Innenseite der Radabdeckungen sind die Rollen angebracht. Das ermöglicht, dass die Räder die Abdeckungen bei starkem Lenkeinschlag nach außen drücken.

Unter dem schmalen Dach finden sich zwei schräg hintereinander versetzt angeordnete Sitzplätze. Damit war der Berlin-Rom-Wagen bis zu 190 Kilometer pro Stunde schnell. Allerdings ist dann die Übersetzung für einen normalen Fahrbetrieb zu lange. Deshalb beläßt es Porsche bei einer Spitze von 160 Kilometern pro Stunde. Ferdinand Porsche fuhr mit dem Sportwagen regelmäßig von der KdF-Fabrik bei Fallersleben nach Stuttgart. Die Legende besagt, dass der Professor auf der Strecke einen Schnitt von 137 Kilometern pro Stunde erreichte.

Unter dem Blech steckt die Technik des Käfers. Auch die Radaufhängungen, das Getriebe und der 1,0-Liter-Motor stammen vom KdF-Wagen. 50 PS leistet der Motor dank vergrößerter Ventile, Doppelvergaser und erhöhter Verdichtung. Daneben plante Porsche eine Mittelmotorvariante. Bei diesem nicht realisierten Porsche Typ 114 sah Porsche einen wassergekühlten 1.493 ccm großen V10-Motor (72 Grad Zylinderwinkel) vor.

„VW Typ 60K10“ ist gleich „Porsche Typ 64“

In der Literatur finden sich unterschiedliche Bezeichnungen für den Berlin-Rom-Wagen. Manchmal heißt der Sportwagen „VW Typ 60K10“. Mehrheitlich ist vom Porsche Typ 64 die Rede. In der Tat lässt sich der Sportwagen keiner Marke zuordnen. Schließlich kommt erst 1948 mit dem 356 ein Fahrzeug als Porsche auf den Markt. Trotzdem sieht Porsche in dem 1939 gebauten Sportwagen gern einen Porsche. Schon 1951 heißt es in einem Rückblick auf das Motorsport-Jahr: „… Nach einem Erfolg bei der Internationalen Alpenfahrt durch Otto Mathé … macht Porsche im Juni durch einen Klassensieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans international auf sich aufmerksam. …“.

Doch die Auftraggeber des Sportwagens gaben vorher den Volkswagen bei Porsche in Auftrag. Auch den Kübelwagen VW Typ 82 und den Panzerkampfwagen VIII Maus bezeichnet heute niemand als Porsche. Obwohl sie ebenfalls von der Firma Porsche konstruiert wurden. Ganz nach dem Motto „Wer zahlt, der bestimmt die Musik!“ tragen sie heute die Namen ihrer Auftraggeber. Andererseits verblieben die Berlin-Rom-Wagen im Besitz der Familie Porsche. Irgendwann bestückt Ferdinand Porsche die Karosserie mit einem Porsche-Schriftzug. Mehr Porsche geht eigentlich nicht!

Technische Daten

Motor:luftgekühlter (Gebläse) 4-Zylinder-Viertakt-Boxermotor im Heck
Motorsteuerung:zentrale untenliegende Nockenwelle (OHV-Ventilsteuerung)
Hubraum/Leistung:ca. 1100 cm³, 40 PS bei 3800/min
Getriebe:4-Gang
Radaufhängung:vorne Kurbellängslenker, hinten Pendelachse
Federung:Drehstäbe
Radstand/Spurweite:Radstand 2400 mm, Spurweite vorne 1290, hinten 1250 mm
Bereifung:5.25–16 Zoll
Leergewicht ohne Fahrer:525 kg
Höchstgeschwindigkeit:je nach Übersetzung bis zu 190 km/h

 


Nachtrag 2014 - Inzwischen haben die Käufer des Fetzenfliegers aus Teilen, die ebenfalls aus dem Nachlass von Otto Mathé stammen, einen zweiten Berlin-Rom-Wagen rekonstruieren lassen.

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Karosserie des Berlin-Rom-Wagen