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Oldtimer ab Werk – Lada Niva

Lada Niva in Frankreich

Die meisten Automodelle werden nur einige Jahre gebaut. Oftmals folgt schon nach kurzer Zeit ein Facelift, bevor nach wenigen Jahren der Nachfolger bei den Händlern steht. Doch diese Praxis ist ein ungeschriebenes Gesetz. Daher gibt es einige Evergreens, die über den Zeitraum mehrerer üblicher Autogenerationen hinaus gebaut werden. Der Lada Niva, den sein russischer Hersteller AwtoWAS seit 1976 im Angebot hat, ist so ein Fall – und der nebenbei erste Oldtimer ab Werk aus unserer Serie, der bis heute offiziell in Deutschland angeboten wird.

1966 beschloss die Sowjetunion den Bau eines staatlichen Automobilwerks in Stawropol-Wolschskij. Als Technologiepartner gewann man den italienischen Hersteller FIAT, der das Werk baute und dazu neben Know-how auch technische Komponenten zur Verfügung stellte. FIAT befriedigte mit diesem Engagement die Kommunisten in den heimischen Gewerkschaften und fing sich dafür nebenbei ein übles Rostproblem ein, weil die UdSSR den Deal mit minderwertigem Stahl bezahlte.

Das neue Werk rund 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau durfte den Fiat 124 in Lizenz fertigen. Für den Einsatz in der Weite der Sowjetunion wurde das Baumuster modifiziert: Man verstärkte das Blechkleid und erhöhte die Bodenfreiheit. Weil Politik in solchen Geschäften wichtig war, benannte man den Fertigungsort an der Wolga nebenbei in Togliatti um, um den 1964 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden der kommunistischen Partei Italiens zu würdigen.

Realistisch passten die Sowjets den Motor an das Wartungsverhalten der Russen und die Spritqualität im Sowjetreich an. Statt eines Zahnriemens sorgte bei den Russland gebauten Fahrzeugen eine Steuerkette für den Antrieb der obenliegenden Nockenwelle. Gleichzeitig reduzierte man die Verdichtung, damit die zunächst als „Shiguli 2101“ bezeichneten Lizenzbauten anders als das Vorbild Fiat 124 mit Normalbenzin betrieben werden konnten.

Bis 2012, als im Zweigwerk des Herstellers in Tschetschenien die Produktion des auf dem 2101 basierenden Lada Nova eingestellt wurde, fertigte man in Russland insgesamt mehr als 41 Millionen Exemplare. Damit wurde der 2101 so etwas wie das Volksauto der Russen. Doch weil im Riesenreich der Sowjetunion auch Partei und Staat Bedarf für einen Geländewagen hatten, stellte man bereits 1976 dem Exil-Italiener mit dem 2121, dem heutigen Lada Niva, einen echten russischen Bruder zur Seite.

Der SUV-Standard aus dem Kombinat!

Das Sowjet-Militär setzte als Geländefahrzeug seit 1973 den UAZ-469 der „Uljanowski Awtomobilny Sawod“ in Uljanowsk ein. Dem Kombinat in Togliatti wies der 5-Jahres-Plan die Aufgabe zu, einen zivilen Geländewagen zu konstruieren. Obwohl die Entwickler dabei viele Teile des 2101 nutzen, entstand der erste eigene Shiguli. Die selbsttragende Karosserie des 2121 kommt ohne den bei vielen Geländewagen üblichen Leiterrahmen aus. Der Autoblogger Ronan Glon beschrieb die Form der zweitürigen Karosserie schlicht als „Renault R5 mit Land Rover Fahrwerk“.

Damit weist der Autoblogger bildhaft darauf hin, dass ein Lada Niva auf fast allen Wegen der russischen Weite das Durchkommen sicherstellen kann. Dafür verantwortlich ist der permanente Allradantrieb mit zuschaltbarer Geländereduktion und Differenzialsperre. Ins Heck des Fahrzeugs pflanzten die Entwickler eine Starrachse. An der Vorderachse vertraute man auf Einzelradaufhängungen. Insgesamt ein Design, das bis heute bei vielen SUV der Standard ist.

Sowohl die Karosserie als auch das Fahrwerk wurden seit 1976, als man den Markennamen der Exportfahrzeuge von Shiguli in Lada änderte, im Prinzip nicht verändert. 1993 führte man einen Vier-Türer mit 50 cm längerem Radstand ein, der allerdings nicht nach Westeuropa exportiert wird. 1995 änderte man das Heck des Standardmodells, um die Ladekante abzusenken. Gleichzeitig bekam der Niva neue Rückleuchten. Zudem renovierte man bei dieser Gelegenheit auch den Innenraum. Der Niva bekam ein neues Armaturenbrett und ein neues Lenkrad mit Pralltopf.

Mehr Änderungen gab es unter der Motorhaube

Bei den Exportmodellen vertraute man unter der Haube ausschließlich auf den bewährten 1.600er des Lada 2101, der im Laufe der Jahre immer wieder an die sich veränderten Abgasbestimmungen angepasst wurde. Für den Heimatmarkt gab es den Niva auch mit 1.300 und 1.500 ccm großen Motoren. Zeitweilig war der Niva auch mit einem von Peugeot gebauten Diesel-Motor verfügbar. Seit 1995 übernimmt in den Exportmodellen ausschließlich ein 1,7 Liter großer Einspritzer mit G-Kat den Antrieb, der auf Wunsch auch für den Betrieb mit Autogas umgerüstet werden kann.

Nach der Auflösung der Sowjetunion entbrannte um das Autowerk in Togliatti ein heftiger Kampf. Das ehemalige Kombinat wurde in die Aktiengesellschaft AwtoWAS umgewandelt. Zeitweilig galt Togliatti als die Stadt mit der größten Kriminalitätsrate. Die russische Mafia soll versucht haben, sich Einfluss im Werk zu sichern und nahm dabei zeitweilig die ganze Stadt in Geiselhaft. In den vergangenen Jahren stabilisierte sich die Lage.

Dazu trug bei, dass das Unternehmen AwtoWAS 2001 ein Joint Venture mit der GM-Tochter „Chevrolet Motor Division“ vereinbarte. In die dabei gegründete Firma brachte AwtoWAS den Nachfolger des Niva ein. Zuvor war es AwtoWAS nicht gelungen, die Produktion des 1998 als Lada 2123 vorgestellten Modells aufzunehmen. Zusammen mit GM wurde das neue Modell zum Chevrolet Niva und ab 2005 zeitweilig zum beliebtesten Automodell Russlands.

Ein Ende der Fertigung ist nicht in Sicht

Unabhängig von den Aktivitäten des neuen Unternehmens fertigte das Stammhaus AwtoWAS das bewährte Modell einfach weiter. 2010 gab es im Innenraum nochmals eine leichte Renovierung, denn der Niva findet bis heute seine Kunden. Auch in Deutschland wird pro Jahr noch eine kleinere vierstellige Stückzahl des Geländewagens abgesetzt.

Beliebt ist der Lada Niva auch in Ländern wie Südafrika, Island, Australien oder Uruguay, wo man ähnliche Straßen wie in Russland hat. Und obwohl AwtoWAS in Zusammenarbeit mit Renault, die Franzosen beteiligten sich 2009 mit 25% am Unternehmen, an einem Nachfolger arbeitet, ist ein konkretes Produktionsende des Lada auch nach inzwischen 36 Jahren Produktionslaufzeit immer noch nicht absehbar.

 

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