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Haben Journalisten ein Problem mit Meinungsfreiheit?

Wochenrückblick Rückspiegel

Blogger sind Kinder der Meinungsfreiheit. Das freie Publizieren ist glücklicherweise im Internetzeitalter kaum zu verhindern. In Nordafrika hat das zum Ende mehrerer Diktaturen beigetragen. Auch in demokratischen Gesellschaften verursachen Blogger Veränderungen. Damit sorgen sie offensichtlich für Zukunftsängste. Anders ist ein Artikel der „Auto Bild“ nicht zu erklären.

Der Artikel „Sollen Blogger Autos testen?“ („Auto Bild“ 27/2014, Seite 28) zeigt, wie dünnhäutig und verunsichert einige Vertreter der Presse auf Blogger reagieren. Die etablierten Medien verstehen sich gern als vierte Gewalt im Staat. Als oft stimmgewaltige Vertreter des Volks haben sie in der Vergangenheit durchaus ihren Teil zur (politischen) Meinungs- und Willensbildung der Bevölkerung beigetragen.

Doch es gibt kein natürliches Recht, das diese Rolle ausschließlich Zeitungen und Zeitschriften zuschreibt. Immer häufiger machen Blogger den etablierten Medien ihre Gatekeeper-Funktion streitig. Bislang sprachen im Wesentlichen vier Gründe für die Blogger: Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit, das kostenfreie Informationsangebot und ihre Glaubwürdigkeit.

Geschwindigkeit

Blogs haben Leser. Das macht sie für die Industrie interessant. Sie unterstützt deshalb Blogger – genauso wie sie Journalisten unterstützt. Daher können Blogger längst auch auf Veranstaltungen Autos ausprobieren, bevor die Modelle bei den Kunden stehen. Dabei profitieren Blogger vom Medienvorteil Geschwindigkeit.

Der stellt – besonders – die Presse vor ein Problem. Denn die Publikation auf Papier erfordert mehr Zeit. Zeit für den Druck. Zeit für den Transport. Zeit für den Kauf. Für den Kunden ist der Kauf – im Vergleich zum Klick im Internet – eine fast schon beschwerliche Angelegenheit.

Trotzdem halten Zeitschriften an ihrem Geschäftsmodell fest. Das erinnert an Kaiser Wilhelm II., der das Auto für eine vorübergehende Erscheinung hielt.

Nachhaltigkeit

Blogger-Texte sind nicht nur kurze Zeit „im Handel“. Sie bleiben oft über Jahre im Netz verfügbar. Das läppert sich. Einige meiner Fahrberichte haben inzwischen mehr Leser erreicht, als einige deutsche Autozeitungen pro Ausgabe am Kiosk verkaufen. Die Suchbegriffe, die die Besucher in dieses Blog führten, outen sie hauptsächlich als Neuwagenkäufer. Gut möglich, dass in einem oder zwei Jahren Gebrauchtwagenkäufer an ihre Stelle treten.

Zeitungen und Zeitschriften könnten diesen Markt ebenfalls bedienen. Sie verfügen über Jahrzehnte lang gefüllte Archive. Bisher heben sie diesen Schatz nicht. Das erinnert an IBM-Chef Thomas Watson. Der sah 1943 auf der Welt Platz für vielleicht fünf Computer.

Kostenvorteil

Anders als Presseorgane sind Besuche von Webseiten kostenlos. Zumindest wenn wir an dieser Stelle die Kosten des Internetzugangs und des Endgeräts ignorieren. Den Boom des Internets spüren die Zeitungen und Zeitschriften in der eigenen Kasse. Die Zeiten, als etablierte Medien Umsatzrenditen weit jenseits von 20 Prozent erwirtschaften, sind vorbei.

Für diese Traumrenditen war übrigens meist gar nicht der tolle Journalismus verantwortlich. Besonders im Auto-Bereich waren es die Kleinanzeigen, die die Rendite brachten. Online-Fahrzeugbörsen haben diesen lukrativen Markt erobert. Interessanterweise waren Branchenfremde die Gründer der erfolgreichen Fahrzeugbörsen.

Zeitungsmenschen fehlte die Vorstellungskraft, mit Anzeigen im Internet Geld zu verdienen. Die Verleger wollten ihr Stammgeschäft nicht kannibalisieren. Das war ein Fehler. Andere machten das Geschäft. Der Rückgang der Anzeigen ist ein wesentlicher Faktor für die aktuelle Zeitungskrise. Scheint so, als ob die etablierte Presse gerade zum zweiten Mal den gleichen Fehler macht.

Statt eigenständige Geschäftsmodelle im Internet zu entwickeln, zeigt – zumindest die „Auto Bild“ – lieber ängstlich auf die bösen Blogger. Das Verhalten erinnert mich an ein Zitat des Theologen Dietrich Bonhoeffer. Der bezeichnete die Angst vor einem Fehler, als den größten Fehler, den man im Leben machen könne.

Glaubwürdigkeit

Der Pauschalangriff der „Auto Bild“ auf Auto-Blogger ist jämmerlich. Zumal, wenn man die Vorgeschichte kennt. Wenn Journalisten inzwischen öffentlich so auf Herausforderungen reagieren, sagt das mehr über Journalisten als über Blogger aus. Natürlich dürfen Auto-Blogger Autos testen, um die Frage der „Auto Bild“ an dieser Stelle deutlich zu beantworten. Es gibt kein Meinungsmonopol der etablierten Medien!

Die Welt verlangt – anders als Autor Claudius Maintz – mehr als nur Technokraten, die mit dem Zollstock Herstellerangaben nachmessen. Journalismus schließt Emotionalität nicht vollständig aus. Begeisterung für die Sache hat noch nie geschadet. Wichtig ist, dass trotzdem die notwendige kritische Distanz gewahrt bleibt. Maintz fällt nicht das erste Mal als Kritiker von Auto-Bloggern auf.

Leser haben ein feines Gespür für Glaubwürdigkeit und gute journalistische Arbeit. Sie kehren auch deshalb immer häufiger Zeitungen und Zeitschriften den Rücken, weil die Grenzen zwischen redaktionellen Beiträgen und Werbung nicht immer klar sind. Redaktionen, die zu den 24-Stunden von Le Mans Beilagen ausschließlich mit Pressematerial der im Langstreckensport beteiligten Hersteller füllen, haben diese Grenze längst überschritten.

Die „Auto Bild“ stellt die Attacke gegen Auto-Blogger unter den Deckmantel eines Berichts über Verstimmungen im Verband der Motorjournalisten (VDM). Das ist fast schon feige. Bezeichnend ist, dass der Unmut im VDM von Beate M. Glaser formuliert wird. Die Dame arbeitet für den sog. „Kraftfahrt Berichter“. Das klingt nicht nur nach den Jahren des Wiederaufbaus. Das ist auch optisch in den 1950er-Jahren stehengeblieben.

In der „Auto Bild“ bemängelt Frau Glaser jetzt, Auto-Blogger würden auf Presseveranstaltungen Autos und Gesprächspartner blockieren. Das ist doch ein schwaches Argument. Möchte die Dame Auto-Bloggern wirklich vorwerfen, wenn diese auf einer Presseveranstaltung ihre Arbeit machen?

Warum nur Auto-Blogger und nicht die ebenfalls anwesenden Journalisten die Plätze blockieren, bleibt offen. Es gibt offensichtlich genauso schlechte Journalisten, wie es schlechte Auto-Blogger gibt. Die Auto Bild zeigt, was ich meine. Wer so einen Blödsinn wie den Artikel „Sollen Blogger Autos testen?“ verzapft, muss sich über die Zeitungskrise nicht wundern.

Statt über Autos zu schreiben, haut „Auto Bild“ jetzt also lieber Blogger. Das erinnert mich an das Zitat „Suche nicht nach Fehlern. Suche nach Lösungen“ des Auto-Pioniers Henry Ford. Solange die Presse so arbeitet, ist es wichtig, dass es Auto-Blogger gibt. Denn die beschäftigen sich wenigstens mit Autos.


Wochenrückblick RückspiegelInfos zum Titelbild:
Unser Wochenrückblick „Worte am Sonntag“ nimmt die zurückliegende Woche in den Rückspiegel.
Unser Wochenrückblick „Worte am Sonntag“ nimmt die zurückliegende Woche in den Rückspiegel.
 
PS: Natürlich haben Journalisten nicht grundsätzlich ein Problem mit Meinungsfreiheit. Ich wollte endlich mal eine richtig polemische Überschrift verwenden. ;-)

19 Kommentare

  1. Wo Redaktionen Beilagen aus Pressematerial zusammenschustern haben sie die Grenze zu ihrer Überflüssigkeit überschritten!

  2. Bis zum PS habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wann Du auf die Überschrift eingehst.

    • Ja Achim, die Überschrift der „Auto Bild“ ist natürlich genauso Quatsch wie meine Überschrift. Es ist doch beim Auto-Test wie bei der Meinungsfreiheit keine Frage ob Blogger oder Journalist. Auf den Inhalt kommt es an ;-) Hier wie dort.

  3. Steht der Artikel, auf den sich der Beitrag bezieht, online? Ich kaufe dafür sicherlich nicht die Zeitschrift…

    • Ich habe es getan. Die ganze Zeitschrift war günstiger als der einzelne Artikel. Der kostet über http://www.genios.de/fachzeitschriften/artikel/AUBI/20140704/sollen-blogger-autos-testen/127971317.html IMHO 3,81 Euro oder so. Die haben Online mal so richtig verstanden.

      • 3,81 Euro für einen Online-Artikel?!?!?!???????? Das ganze Heft kostet doch nur 1,70 und damit kann ich mir immerhin irgendwann die Schnutte oder das andere Ende abputzen.

        • Horst Meyer

          38,1 Cent würden Sinn machen. Machen die aber nicht. Damit würde der Online-Verkauf vielleicht sogar funktionieren. Wahrscheinlich ist das sogar Absicht, um weiter belegen zu können, das Online-Kunden nichts kaufen und alles umsonst haben wollen.

        • Schnebel

          3,80€ sind doch noch ein Schnäppchen! Im wissenschaftlichen Bereich werden Artikel aus Fachzeitschriften mit irgendwo zwischen 25 und 45 € bezahlt…für eine Nutzungsrecht von 24h wohlgemerkt. Auch Artikel, die von öffentlichen Angestellten, bezahlt vom Steuerzahler, geschrieben wurden. Das Geld geht natürlich an den Verlag…

          Oder um es anders auszudrücken: Für die Holzmedien ist Online der Bereich, wo sie katastrophal hohe Preise ansetzen und sich dann wundern, dass keiner kauft und damit für sich bewiesen haben, dass an Online ja gar kein Interesse besteht. ;-)

          Sch.Nebel

    • Interessante Einstellung KLE! Wird Dein Blog nicht von der Auto Bild präsentiert?

  4. Sehr schöner Beitrag. Genau das ist doch das wahre Problem vieler Verlage. Sie haben einfach die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Erst haben sie das iPad ausgelacht, dann die pure Panik bekommen weil ja urplötzlich alles Digital gelesen wird. Und weil man es halt immer noch nicht verstanden wohin der Hase jetzt läuft, baut man mächtige Bezahlschranken auf Internetseiten ein oder kassiert für ein Online-Abo genauso viel als wenn ich die gedruckte Zeitung im Kiosk kaufe. BAM geht es noch!? Liebe Verlage, ihr könnt das Internetzeitalter nicht aufhalten :-) Der Mensch (einige Verlage leider nicht) ist halt anpassungsfähig, und wenn ein Blogger einen Fahrbericht schreibt den ich ohne Mega Aufwand lesen kann, warum sollte ich das mündiger Konsument dann nicht machen? Im Zweifel ist der Blogger eventuell sogar weniger befangen als der Verlag, wenn es um die Objektivität des Beitrags geht.

  5. Danke für diese Einschätzung. Als (Noch-)AutoBild-Leser habe ich den besagten Artikel von Claudius Maintz gelesen und mir schon gedacht, dass es hierzu sicherlich argumentativ stärkere Gegendarstellungen seitens der Blogger gibt. Q.e.d würde ich sagen.
    Das Argument, Blogger würden auf Presseveranstaltungen Autos und Gesprächspartner blockieren zeugt geradezu von einer arroganten „wir lassen euch nicht herein“-Einstellung – die damit begründet wird, dass (alle) Blogger keine ausgebildeten und professionellen Journalisten sind, sondern unvorbereitete Amateure. Als Beispiel dient Claudius Maintz der oben erwähnte Zollstock. Sein Fazit geht dann auch in die Richtung:
    Journalisten = gut, objektiv, professionell
    Blogger = böde, subjektiv, laienhaft

    Aber solche Stammtisch-Polemik sind wir ja von dem „Erfinder des Wechsel-Kennzeichens“ gewohnt ;-)

    Es grüßt,
    Adrian

  6. Natürlich hat die Auto Bild Recht, denn es gibt leider ganz, ganz schlechte Auto-Blogs. Das ist wie bei „Deutschland sucht den Superstar“ & Co., da treten auch eine Menge Leute auf, denen in ihrem Umfeld nie jemand gesagt hat, dass sie sich im Fernsehen lächerlich machen werden. Und so ist das im Internet mit diesen Bloggern, da jagen Leute Texte in die Welt, die besser nie geschrieben worden wären.

    • Offensichtlich haben einige Medienschaffende etablierter Medien das Bedürfnis sich von Bloggern als Journalisten „abzusetzen“. Andersherum wollen einige Blogger (deshalb?) nicht mehr Blogger, sondern (endlich auch) Journalisten sein.

      IMHO gibt es in beiden Medienbereichen Könner und Nieten. Nach meinem Empfinden ist der Anteil der Nieten bei den Blogbetreibern deutlich größer als bei den (gelernten) Journalisten. Die Auto Bild hat sogar einen Screenshot von einem Nichtskönner.

      Aber geben solche Einzelfälle einem Profi das Recht, alle Blogs undifferenziert über einen Kamm zu scheren? Gerade von einem Journalisten sollte man die Fähigkeit zur Differenzierung sowie den Versuch zur Wahrung der Objektivität und Neutralität erwarten. Der Verzicht auf diese journalistischen Tugenden macht diesen Auto Bild Artikel so erbärmlich. Offenbar gibt es inzwischen handfeste wirtschaftliche Gründe, die die Auto Bild solche Artikel verfassen lassen. Das offenbart einen interessanten Einblick in – zumindest diese – Verlagswelt.

    • Ich sehe das mal ganz naiv…
      Wenn ein Blogger schlecht ist, redet niemand mit ihm ein zweites Mal, niemand würde ihm einen Wagen zum Testen bereit stellen.
      „Renommierte“ Automagazine muss man bedienen, weil Werbung allein keine Autos verkauft, egal wie schlecht der Artikel ist.
      Die Autobild lesen wir seit Jahren nicht mehr. (Augenscheinlich) bezahlte Jubelartikel muss ich nicht noch mit dem Kauf gegenfinanzieren.
      Dieser Kommentar scheint mit zur Anti-Internet-Strategie von Springer zu gehören.
      Die Angriffe auf Google sind erst die Spitze des Eisbergs

  7. heinz,
    der BILD hat wohl auch noch niemand gesagt, daß sie keine richtige Zeitung ist und wir sie ständig auslachen.
    Dein Argument gilt für beide Seiten gleichermaßen.
    Eine ganz schlechte Zeitung braucht sich über ganz schlechte Blogs wirklich nicht aufzuregen, da wird im Glashaus mit Steinen geworfen.

  8. Aber ist es nicht so das Klappern zum Handwerk gehört und das kann man doch gerade den Leuten bei der Bild nicht absprechen, die können klappern und je lauter sie klappern wird man ihnen zuhören befürchte ich mal. Von daher finde ich es sehr gut das hier objektiv geschrieben worden ist.

    Danke für die Infos, wäre sonst glatt an mir vorbeigegangen.

  9. Wenn sich die Auto-Medienlandschaft so entwickelt, wie es in der Mode Branche schon passiert ist, dann sollten sie sich darauf einstellen, dass in Zukunft auch Blogger in der ersten Reihe sitzen. Das wird den Leuten von Vogue und Co anfangs auch nicht geschmeckt haben, dass sie ihre elitären Plätze bei den Modenschauen mit dem Sprachrohr des digitalen Volkes jetzt teilen müssen.
    Aber wer weiß, vielleicht wollten sie auch nur einen Shitstorm auslösen damit endlich mehr Traffik auf ihr online Angebot kommt ;-)

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